19. Juli 2010

Rache

Einmal wieder musste ich einen Sonnabend ohne Partner verbringen. Deprimiert öffnete ich die Flasche Sekt, die ich vorsorglich für Stephan und mich in den Kühlschrank gelegt hatte. Mit der Flasche in der einen Hand und einem Glas in der anderen, setzte ich mich auf mein Sofa. Während ich Selbstgespräche führte, schenkte ich mir großzügig Sekt nach. Beim dritten Glas stritt Cordula die Morde nicht mehr ab. Sie begann mich zu beschimpfen. Mit meinen heißen Nummern würde ich ihr ihre Freunde ausspannen. Einen nach dem anderen. Ich sei Schuld, dass sie keine feste Beziehung hätte. Warum dann aber Alfons, Michael und Stephan? „Warum nicht ich?“, fragte ich sie. Die Männer hätten den Test nicht bestanden, antwortete sie mir. Kaum hätte sie sie mir vorgestellt, seien sie mit mir im Bett verschwunden. Nach dem sechsten Glas Sekt fielen mir die Augen zu. Als ich aufwachte, war es bereits dunkel geworden. Mit schweren Gliedern und starken Kopfschmerzen ging ich in die Küche. Ich nahm drei Aspirin, schob ein Knoblauchbaguette in den Ofen und suchte den Zettel mit Stephans Nummer heraus. „Hi, hier ist der Anschluss von Larissa, Vanessa und Stephan. Nach dem Piepston könnt ihr ...“ Frustriert legte ich auf. Während ich das Baguette in mich hineinstopfte, kochte meine Wut über. Erst versuchte Lothar mein Leben zu zerstören, nun wurde meine Freiheit von Cordula torpediert. Ich war mit dem Vater meiner Kinder fertig geworden, von Cordula würde ich mich auch nicht unterkriegen lassen, sagte ich mir selbstbewusst! Mit dem restlichen Sekt spülte ich den grässlichen Knoblauchgeschmack runter. Entschlossen griff ich mir das Fleischermesser und ging zu meinem Auto. Kurz nach 23.00 Uhr stand ich auf Cordulas Terrasse. Cordula saß allein vor dem Fernseher. Die Kinder schliefen sicherlich schon in ihren Zimmern im Obergeschoss, vermutete ich. Um sie nicht zu wecken, pochte ich leise mit dem Autoschlüssel gegen die Fensterscheibe. Zunächst hörte mich Cordula nicht. Ich klopfte etwas lauter. Plötzlich sprang sie auf, schaltete Fernseher und Licht aus. Schemenhaft konnte ich erkennen wie sie angsterstarrt, mit beiden Händen vor dem Mund, zum Fenster schaute. Lächerlich! Wovor kann eine Mörderin noch Angst haben? Ich pochte erneut gegen die Scheibe. Langsam löste Cordula ihre Hände vom Mund. Ihre Gesichtszüge entspannten sich. Sie kam auf mich zu und öffnete die Terrassentür. „Elvira! Du hast mir aber einen Schrecken eingejagt! Komm´ rein.“ Lächelnd trat ich ein. „Ich wollte nicht klingeln. Wegen der Kinder.“ Den Rücken mir zugewandt, schloss Cordula die Tür hinter uns und zog die Vorhänge zu. Dann drehte sie sich zu mir um. Entsetzt sah sie das Fleischermesser auf sich zu sausen. „Das ist für Alfons!“ Ich riss das Messer hoch und stieß mit ganzer Kraft wieder zu. „Das ist für Michael!“ Noch einmal ließ ich das Messer durch die Luft jagen. Cordula sank zu Boden. Ich kniete mich neben sie. „Das ist für Stephan!“ Leblos lag Cordula auf dem sich rot färbenden Berberteppich. Der Mond schien durch den Schlitz im Vorhang auf ihr blasses Gesicht. Ich stand auf, strich die Falten meiner Handschuhe glatt. Leise ging ich in die Küche und spülte das Messer ab. Durch die Eingangstür verließ ich das Haus. Ich hörte ein Auto die Straße hinauffahren. In unmittelbarer Nähe hielt es an. Hastig versteckte ich mich hinter Cordulas BMW im Carport. Die vermummte Gestalt schlich durch den Garten auf die Terrasse zu. Unerkannt lief ich zu meinem Auto. Bevor ich losfuhr, warf ich das Messer in eine Mülltonne, während ich in der Ferne einen gellenden Schrei hörte.
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