3. Februar 2012

Der glückliche Zweite

Am Dienstag, den 30.9.2008 würde er sterben. Herr Eppendorf klappte seinen Kalender zu und steckte ihn in seine Jackentasche. Als sei es ein ganz gewöhnlicher Besuch gewe­sen, hatte er nach der ausgestreckten Hand des Arztes gegriffen und sie geschüttelt. Bestimmt und mit festem Blick auf sein Gegenüber, so wie er es sich in einundsechzig Jahren zu eigen gemacht hatte. Er hatte sich bedankt und einen schönen Tag gewünscht. Dann hatte er sich umgewandt und im Wartezimmer Platz genommen, seinen Taschenka­lender aufgeschlagen und mit dem rechten Zeige­finger den Jahresüberblick 2008 abgefahren. Für einen kurzen Moment war Dr. von Hecht­hausen in der Tür stehengeblieben und hatte seinem Patienten nachgeschaut. Bevor er in das angrenzende Behandlungszimmer zu seinem nächsten Patienten ging, beobachtete er verwundert Herrn Eppendorf, der konzentriert in seinen Kalender schaute. Beinahe so, als wolle er seine verbleibende Zeit und die kommenden Phasen sei­ner Krankheit terminieren und der Übersichtlich­keit halber eintragen. „Ich befinde mich also auf der Mitte des Pla­teaus. Wann habe ich es erreicht gehabt?“, über­legte Hans-Martin Eppendorf still, während sein Finger über den Kalender fuhr. „Vor zwei Mona­ten? Nein, zu kurz. Acht Monate?“ Prüfend las er die Einträge aus dem vergangenen Oktober durch. Mit seinen Skatbrüdern war er für eine Woche im Harz gewesen. Zweimal waren sie ohne ihn zu einer Wandertour aufgebrochen. Er hatte sich matt gefühlt und er hatte Rückenschmerzen gehabt, aber so schlecht wie jetzt war es ihm nicht gegangen. Den Abstieg hatte er da bereits begonnen, doch das Bergplateau noch nicht erreicht. Zu viele Patienten hatte er betreut, als dass eine ihrer Reaktionen ihn noch überraschen konnte. Einige waren in Tränen ausgebrochen, andere hatten ihn beschimpft, die meisten waren jedoch zu geschockt gewesen, um überhaupt zu einer Reak­tion fähig zu sein. Herrn Eppendorf hatte seine Diagnose scheinbar unberührt gelassen. Er hatte nicht geschimpft, nicht geweint, nicht geschwiegen, sondern sachlich gefragt wie viel Zeit ihm noch bliebe. „Ungefähr ein Jahr“, hatte Dr. von Hechthausen geantwortet. „Ungefähr ein Jahr, was heißt das, Herr Dok­tor?“ Er hatte ihn über das weitere Vorgehen infor­miert. Herr Eppendorf hatte ihm aufmerksam zugehört, doch seine Fragen zielten weder auf die Behandlung der Leukämie noch auf die Spendersu­che ab. Das Einzige, was ihn wirklich nachhaltig zu interessieren schien, war sein genauer Todeszeit­punkt. „Heißt das ich sterbe im Mai 2009 oder im Juli?“ Bestimmt tippte Hans-Martin Eppendorf mit seinem rechten Zeigefinger auf die letzte Februar­woche. „Vor vier Monaten.“ Genauso viel Zeit blieb ihm also noch bis er den Abgrund erreichen würde. Um sicher zu gehen, blätterte er noch einmal die Kalenderseite für 2007 auf. „Sie sehen aus wie Librettos“, hatte seine Frau Magda einmal festgestellt. „Du bist der Einzige, der sie für drei Jahre parat hält!“ „Wenn ein Kunde fragt bis wann wir fertig sind, muss ich bis ins kommende Jahr planen können. Und der Rückblick auf das vergangene Jahr ist hilfreich, falls ich mich auf die Schnelle nicht erinnere, wann wir bei ihm das letzte Mal waren.“ Drei Librettos hatte er nach wie vor immer bei sich, obwohl er sein Baugeschäft längst verkauft hatte. Vier Monate bis Ende Oktober lagen vor ihm. Minutiös würde er sie planen, genauso wie einen Hausbau. Hans-Martin Eppendorf zog einen Kugelschrei­ber aus seiner Brusttasche. „Ich kann das nicht haargenau bestimmen, Herr Eppendorf. Wie gesagt, wenn wir einen geeigneten Spender finden, dann haben Sie alle Chancen lange weiterzuleben.“ „Aber wenn nicht, Herr Doktor, wie lange? Elf Monate, zwölf, dreizehn?“ „Nun ich kann wirklich nicht genau sagen …“ „Also“, hatte ihn Herr Eppendorf unterbrochen, „also sagen wir zwölf Monate.“ „Ja, zwölf.“ Unwillkürlich hatte er genickt, zwölf Monate konnten genauso richtig sein wie vierzehn oder auch nur elf Monate. Wenn es seinem Patien­ten half sich mit seiner Diagnose leichter abzufin­den, dann konnte er seine Antwort guten Gewis­sens vertreten. „Stecken Sie jetzt nicht den Kopf in den Sand, Herr Eppendorf. Machen Sie, wo nach Ihnen der Sinn steht, nur überanstrengen Sie sich nicht. Und wie gesagt, wenn wir den richtigen Spender gefunden …“ „Sie meinen die Stecknadel im Heuhaufen?“ „Nein, nein, so unwahrscheinlich ist es nicht. Und bis dahin…“ „Und bis dahin“, hatte ihn Herr Eppendorf ein weiteres Mal unterbrochen, „mache ich, wo nach mir der Sinn steht oder die Sache, die ich seit einer Ewigkeit machen wollte.“ „Genau, nur überanstrengen Sie sich nicht.“ Ohne dem eine weitere Bedeutung beizumessen, hatte der Arzt registriert, dass sein Patient im Singular sprach. Herr Eppendorf schien eine einzige Sache vor Augen zu haben. Ganz so, als wolle er keine Zeit verlieren, um sie in die Tat umzusetzen, erhob er sich von seinem Stuhl. Bevor Dr. von Hechthausen jedoch selbst aufgestanden war, hatte er sich wieder hingesetzt. „Wie lange werde ich noch Kraft haben?“ Er kreiste den dreißigsten Juni ein und darauf den dreißigsten September, bevor er den dreißigs­ten Oktober umkreiste, setzte er den Kugelschrei­ber ab. Nein, der Krankheitsverlauf ließ sich nicht bis auf den letzten Tag einplanen. Vielleicht würde er schon früher kraftlos werden. Er musste so planen, dass er die einzige Sache, die er in seinem Leben noch zu erledigen gedachte, vollbringen konnte und ihm noch Zeit blieb seinen eigenen Tod vorzubereiten. Er durfte nicht versäumen einen Puffer einzurechnen. „Mal wird es ihnen besser gehen, mal werden Sie sich kraftlos fühlen.“ „Aber wie lange werde ich noch so viel Kraft haben wie jetzt, Doktor von Hechthausen?“ „Es wird in Schüben schlechter werden.“ „Herr Doktor, stellen Sie sich vor, ich stehe auf einem Plateau im Gebirge. Hinter mir ist die Felswand, sie ist wie ich mich früher gefühlt habe. Der Abhang vor dem Plateau ist das, was vor mir liegt. Verstehen Sie das Bild? Das Plateau ist das, wie ich mich seit ein paar Monaten fühle. Wo auf dem Plateau stehe ich? Mehr bei der Felswand oder mehr bei dem Abgrund?“ „In der Mitte des Plateaus.“ Zufrieden mit der Antwort war Herr Eppendorf aufgestanden. Der Arzt hatte ihn zur Tür des Behandlungszimmers begleitet und ihm die Hand gereicht. Herr Eppendorf umkreiste den dreißigsten Au­gust und strich den letzten Septembertag, einen Dienstag, ein zweites Mal an. Dann steckte er den Kugelschreiber in seine Brusttasche zurück. Ohne zu zaudern riss er den Libretto für 2009 raus und warf das zerknüllte Papier achtlos in den Papier­korb. Herr Eppendorf verließ das Wartezimmer mit einem freundlichen Abschiedsgruß. „Man darf Fehler machen“, hatte Karl Eppen­dorf zu ihm gesagt, „man muss nur dazu stehen. Das ist der einzige Fehler, den man nicht begehen darf. Nicht dazu zu stehen, also.“ Mit vorgestreck­ter Brust hatte sein Vater vor ihm gestanden. „Das musst du lernen, Hans-Martin, zu deinen Fehlern zu stehen.” Dann hatte er seinem Sohn eine Ohrfeige gegeben. Jahre später hätte Hans-Martin Eppendorf sei­nen Vater zu gerne gefragt, ob er den dritten Aspekt vergessen hatte zu nennen oder ob er ihn schlichtweg nicht in Betracht gezogen hatte. Vielleicht hätte sein Vater ihn nicht verstanden. Vielleicht hätte sein Sohn es mit ruhigen Worten für den alten Mann erklärt. Vielleicht hätte er ihm aber auch wütend entgegen geschleudert, wie feige sein Vater sei, wie einfach seien Worte doch daher gesagt. „Fehler begehen und dazu stehen“, hätte ihm sein Vater wohl erwidert und stolz angeführt, „das habe ich in meinem Leben immer getan!“ Ein Schauer von Abscheu durchfuhr Hans-Martin Eppendorf beim Gedanken an den Disput, den er nie mit seinem Vater geführt hatte. „Und was ist mit den Konsequenzen? Wer trägt sie?“ Der Pastor hatte ihn vorgewarnt. Hatte nebulös von einer Offenbarung gesprochen. Verwirrt hatten Herr Eppendorf und seine Frau nachgefragt, von was er spräche. Der Pastor hatte sich jedoch strikt geweigert sich näher zu erklären. Nur so weit war er gegangen zu sagen, er habe ein Versprechen gegeben, erst auf der Trauerfeier davon zu spre­chen. Nur wolle er die Familie darauf vorbereiten, so dass die Überraschung für sie nicht zu groß sei. „Und eine Überraschung wird es wohl sein.“ Ernst hatte ihn der Pastor dabei fixiert. „Besonders wohl für dich, Hans-Martin.“ Zuerst hatte er nicht an die Konsequenzen ge­dacht. Zunächst war er sich überhaupt nicht sicher, dass der Pastor wirklich gesagt hatte, was er zu hören geglaubt hatte. Sein Blick war von seiner Frau zum Pastor rastlos hin- und hergejagt. Dann war er am Sarg seines Vaters hängen geblieben. „Zu seinen Fehlern stehen, Hans-Martin“, hallte die Stimme seines Vaters immer wieder in seinen Ohren. Plötzlich verstummte die Stimme und Hans-Martin Eppendorf vernahm das überraschte Gemurmel der anderen Trauergäste. Fassungslos sahen sie ihn an bis sie sich wie auf ein Kommando reagierend von ihm plötzlich abwandten. Hans-Martin Eppendorf folgte ihren Augen. Ein einziger Blick in Karls Gesicht sagte ihm, dass es für ihn keine Überraschung war.
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