26. Januar 2012

Weinrote Lackschuhe

Zischend entwich der letzte Atemzug aus der Lunge. Leise, geradeso als hätte eine kleine Nadel ein winziges Loch in einen Ballon getrieben. Es war zu wenig Luft, um einen Schrei zu formen. Zu spät war hierfür auch der Mund aufgerissen worden. Die Augen jedoch waren schneller gewesen. Überraschung, Furcht und Entsetzen waren auf ihnen abzulesen, auch wenn sie nun nur noch starr und blind in die Ferne schauten.
*
„Keine Chance!“, hatten die Leute gesagt. „So klein wie sie ist, hatte sie keine Chance. So groß und stark wie er wohl gewesen sein muss, hatte sie einfach keine Chance zu entkommen!“
Stumm und bedrückt hatten andere zustimmend genickt. Mit belegter Stimme hatte jemand angefügt: „Sie hätte auch ihr Leben verlieren können. Entkommen ist sie ihm letztlich doch.“
Betreten hatten die Erwachsenen wieder zustimmend genickt. Sie aber hatte gewusst, dass ein Teil von Helena nicht entkommen war. Sie hatte es schon gespürt, als sie selbst schreiend davon lief. Es war zur Gewissheit geworden, als sie wimmernd in den Armen ihrer Mutter lag und der Krankenwagen mit ihrer Freundin darin an ihnen vorbeifuhr.
Lange war es Mirja so vorgekommen, dass der Teil, der entkommen war, tiefgefroren war. Er war noch da, er sah so aus wie zuvor, nur war er in Eiseskälte erstarrt. Genauso wie ihre Freundschaft. Sie hatte auf die Wärme gehofft. Hatte gehofft, dass sie kommen würde und gegen die Eiseskälte kämpfen würde. Die Wärme sollte das Eis zum Schmelzen bringen und dann würde alles so wie vorher sein. Denn was eingefroren ist, das wusste jedes Kind, verdirbt ja nicht.
„Zeit“, hatte sie mitangehört, „Zeit ist das, was sie nun am meisten braucht!“
Auch über Schuld hatten sie gesprochen, dabei hatten sie sich zu ihr hinuntergebeugt. „Schuld trifft dich nicht. Du bist sogar zu ihr zurückgelaufen! Mutig bist du gewesen. Es war richtig, dass du dich in Sicherheit gebracht hast!“
Wohlwollend hatten sie ihr über die Haare gestrichen. „Du bist doch noch so klein. Er war groß und stark, was hättest du gegen ihn ausrichten können? Dich trifft keine Schuld. Sei einfach froh, dass es dir gut geht!“ Unversöhnt hatte sie zu Boden gestarrt.
Irgendwann hatte sie wieder zu lachen begonnen. Unbeschwert und froh zugleich war sie nie mehr.
Eines Tages hatte Mirja ihre Mutter beobachtet, wie sie etwas aus der Gefriertruhe nahm, kurz auf den Beutel schaute und ihn mitsamt seinem Inhalt in den Abfalleimer warf.
„Warum wirfst du das weg?“, hatte sie gefragt.
„Die Hähnchenbrust ist nicht mehr gut“, hatte ihre Mutter ihr erklärt.
„Aber sie war doch eingefroren, Mama!“
„Ja, schon, aber viel zu lange. Ich habe sie leider übersehen.“
„Können tiefgefrorene Sachen etwa auch verderben?“, hatte sie erstaunt nachgebohrt.
„Sicherlich, wenn sie zu lange gelagert werden, können sie auch schlecht werden, mein Schatz.“
Niedergeschlagen war sie damals aus der Küche gestürmt. Doch vor der bitteren Erkenntnis konnte sie nicht fliehen. Selbst wenn die Wärme das Eis zum Schmelzen bringen würde, würde nichts wie vorher sein. Zu lange schon war ihre Freundschaft mit Helena tiefgefroren.
*
Lange Zeit hatte Helena in der Klinik gelegen. Sobald jedoch ihre Verletzungen auskuriert, aber die Narben noch nicht verheilt gewesen waren, kam sie nach Hause. Zunächst hatte ihre Therapeutin sie dort aufgesucht. Später wurde Helena zweimal die Woche zu ihr in die Praxis gefahren. Wortlos hatte sie die Fragen von Dr. Telken beantwortet. Wortlos war sie deren Aufforderungen nachgekommen. Wortlos hatte sie gemalt, wortlos geweint, wortlos mit Puppen gespielt und wortlos hatte sie aufgeschrieen. An einem Nachmittag war Mirja von Dr. Telken zu der Sitzung hinzugebeten worden. Auch da hatte Helena wortlos geschrieen. Genauso war es davor bei ihrem Besuch im Krankenhaus gewesen und Wochen später, als Mirja zu ihr nach Hause kam. Kaum hatte Helena sie erblickt, begann sie wie ein Tier in Todesangst zu schreien. Wie beim ersten Mal war Mirja fortgerannt, da erst hatte Helena aufgehört zu schreien.
Irgendwann wurden Helenas Schreie leiser und vorsichtig formten sich Worte. Da hatte Mirja jedoch bereits gewusst, dass auch Gefrorenes verderben konnte.
*
Die Lackschuhe waren weinrot gewesen. Bewundernd hatte Mirja auf Helenas Füße geschaut, als sie vor ihrer Haustür stand, um ihre Freundin zum Spielen abzuholen.
„Die habe ich von meiner Tante bekommen. Nachträglich zu meinem Geburtstag“, hatte Helena stolz erzählt. „Weil ich jetzt schon sieben bin, durfte ich mir endlich Lackschuhe aussuchen!“
Mirja war ein Vierteljahr älter, doch ihr sehnlicher Wunsch nach einem Paar Lackschuhe war unerfüllt geblieben. Sie seien nicht gut für ihre Füße, hatte ihre Mutter ablehnend gemeint.
„Und sie haben sogar richtige Hacken“, hatte Mirja neidisch festgestellt.
Am Spann waren die Schuhe etwas ausgeschnitten. Um die Knöchel lief ein schmales Riemchen, das mit einer herzförmigen Schnalle verziert war, unter der sich ein Druckknopf verbarg. Hand in Hand waren die beiden Mädchen die kleine Wohnstraße auf und ab geschlendert.
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