4. Mai 2011

Elvira

Dieses und weitere Kapitel  aus "Mord! Elviras Weg zum Buddhismus" können Sie auch in dem Podcast "Mörder und Opfer" hören.

Mein Name ist Elvira Winniefried. Vor vier Monaten wurde ich zweiundvierzig Jahre alt. Ich bin eine sitzengelassene Ex-Ehefrau. Zudem bin ich Mutter von drei Kindern. Vom späten Sonntagnachmittag bis zum nächsten Sonnabendmorgen kümmere ich mich mit all meiner Energie und Fürsorge um sie. Sobald ihr Vater sie jedoch wie jedes Wochenende zu sich geholt hat, gebe ich mich meinem ganz persönlichen Wochenendvergnügen hin.

Die hiesige Freiwillige Feuerwehr veranstaltete anlässlich ihres hundertjährigen Bestehens eine Tombola. Auf ein Wellnesswochenende hoffend, kaufte ich fünf Lose und gewann eine Digitalkamera. Mit zusammengekniffenen Augen konnte ich die Bedienungsanleitung problemlos lesen, allerdings ohne allzu viel zu verstehen. Laurens, mein ältester Sohn, erbarmte sich daraufhin meiner und bemühte sich redlich, mir die verschiedenen Funktionen zu erklären. Nachdem ich mir auf sein Anraten hin eine Lesebrille aus der Drogerie mitgebracht hatte, konnte auch ich die Icons erkennen, über die er sprach

„Mama, du hast wirklich Wurstfinger!“, kommentierte Laurens meine Bemühungen, die Icons anzutippen.

„Bin ich eine Maus?“, antwortete ich genervt. „Für eine größere Kreatur scheint diese Tastatur wohl kaum entworfen zu sein!“

Bevor ich mich mit meiner neuen Kamera vor die Tür traute, versuchte ich mich zwei Tage lang an meinen Kindern und an Dingen, die nicht fortlaufen konnten.

Drei Mittelreihenhäuser waren im Sucher zu erkennen. Ich drückte auf Zoom. Nur noch unser Haus war zu sehen. Ein kurzer Plattenweg führte zum Eingang hin. Links und rechts davon wuchs der Rasen kümmerlich. Die Fahrräder meiner Kinder waren darauf achtlos abgestellt. Ich ging durch den Garagenhof am rechten Ende unserer Reihenhauszeile, vorbei an den Nachbarhäusern. Von unserem Garten aus zoomte ich die rückwärtige Ansicht des Hauses heran. In einem Halbrund hatte ich vor der Terrasse ein kleines Beet angelegt. Ein paar Blumen fristeten ein jämmerliches Dasein. Ich bin keine begnadete Gärtnerin. Trotzdem drückte ich auf den Auslöser.

Jedes Jahr im November hatten wir unser offizielles Familienfoto gemacht. Rechtzeitig zu Weihnachten verschickte ich es an meine Verwandtschaft und die meines Göttergatten. Vor vierzehn Jahren waren nur Lothar und ich mit Laurens auf dem Arm zu sehen. Der kleine Wicht hatte einen Schnuller im Mund und eine Rassel in der Hand. Nach zwei Jahren gesellte sich Nathalie zu uns auf das Weihnachtsfoto, drei Jahre später kam Maximilian dazu. Irgendwann war Lothar nicht mehr darauf zu sehen. Ich schickte unser jährliches Foto nur noch an meine Familie.

Warum hatte ich in all den Jahren niemals unser jeweiliges Haus fotografiert? Ich schaute wieder durch den Sucher. Das Wohnzimmerfenster reflektierte meine Silhouette. Nicht groß, nicht schlank, nicht klein, nicht dick. Würden zwanzig Fotografen neben mir gestanden haben, ich würde mich in der Menge selber nicht wieder erkannt haben. Nicht, weil ich nicht weiß wie ich aussehe, nein, wenigstens fünf Silhouetten würden meiner gleichen.

Ich konzentrierte mich auf die Umrisse hinter den Reflexionen. Ich sah den Fernseher, das Sideboard an der linken Wand und mein geliebtes Sofa. Wieder drückte ich auf den Auslöser.

Am Wochenende liege ich gerne faul auf meinem Sofa mit einem Buch vor der Nase. Auf dem Fußboden zu meiner linken Seite ein Tässchen Tee, gelegentlich ein Glas Sekt. Ja, ich liebe es zu lesen, aber nicht zu jeder Tages- und Nachtzeit. Ich gehöre nicht zu jener Spezies verhärmter Ex-Ehefrauen, die sich an den väterlichen Besuchstagen ihrer Kinder vor der Welt verstecken. Nein, niemals werde ich diese finale Demütigung einer abgehalfterten Gattin zulassen! Nicht ich, niemals!

Eines meiner Wochenendvergnügen hieß Alfons, dann kam Michael, dazwischen gab es ein Intermezzo mit Hans-Jürgen. Norbert und andere gehörten ebenfalls zu dem Reigen meiner Lover.

Neige ich zur Promiskuität? Warum soll ich mir darüber den Kopf zerbrechen? Wäre ich ein Mann, würden mich die Altersgenossen meiner Mutter wohl als „tollen Hecht“ bezeichnen. Damen mit einem gewissen Lebenswandel hingegen pflegt meine Mutter – hinter vorgehaltener Hand versteht sich – als „Wanderpokal“ zu bezeichnen. Bin ich ein Wanderpokal? Nein. Entscheidet der Pokal, wer ihn bekommt? Nein. Ich aber entscheide, definitiv!

Seit mein Ex-Göttergatte Lothar meiner Obhut leid wurde, lehne ich jegliche Fürsorge meinen jeweiligen Partnern gegenüber ab. Ich koche keine Fünf-Gänge-Menüs für sie, ich wasche nicht ihre Hemden und ich verschließe meine Ohren vor jedweden Tiraden gekränkten Männerstolzes. Wer immer mit mir zusammen sein will, soll es ausschließlich um meinetwillen wollen.

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