9. Juni 2011

Telefonterror

Regelmäßig wird Elvira Winniefried, Mutter und Mörderin, mit Anrufen ihrer Mutter bombardiert. Die Wortlawinen der alten Dame scheinen keiner Logik zu folgen, aber gelegentlich findet sich in ihnen manche Weisheit. Mehr als der Dame bewusst ist. Hätte Elvira Winniefried nur genau zugehört!
Lesen Sie selbst:

(..) „Rufst du wirklich aus einem besonderen Grund an, Mutti?“
„Natürlich, Elvira. In meinem Alter ist jede Minute kostbar!“
„Und, was wolltest du von mir?“
„Nun fragst du schon wieder, Elvira. Wie geht es den beiden Kindern?“
„Den beiden? Mutti, ich habe drei Kinder!“
„Elvira, das Gestirn kreist nicht allein um dich und deine Kinder! Ich spreche von Cordulas armen Töchtern!“
„Ach so. Warum sagst du das nicht gleich? Es geht ihnen den Umständen entspre­chend!“
„Den Umständen entsprechend? Was heißt das, ich kenne mich nicht aus. In meinen Kreisen stirbt man am Schlag, Zucker oder schlichtweg an Langeweile, aber nicht an einem Messer zwischen den Rippen!“
„Marie und Lisa vermissen ihre Mutter natürlich, aber sie scheinen Cordulas Tod zu akzeptieren. Martin vernachlässigt jetzt sein Restaurant total und kümmert sich hervorra­gend um die beiden, das muss ich schon zugeben.“
„Das ist schön. Wahrscheinlich ist es ganz gut, dass Cordula und er geschieden waren. Da ist die Gefühlslage eine andere. So hat Martin den nötigen Abstand, um sich ganz auf seine Töchter zu konzentrieren!“
„Abstand? Martin? Nein, er hat die Scheidung nie akzeptiert. Sobald die Mädchen bei Freunden oder in der Schule sind, führt er sich wie ein am Boden zerstörter Witwer auf! Zweimal habe ich ihn an Cordulas Grab getroffen. Jedes Mal war er in Tränen aufgelöst. Das erste Mal konnte ich sein Flennen schon hören, bevor ich auf den Weg zu ihrem Grab abbog. Das Mal darauf war er nicht am Grab. Plötzlich hörte ich es hinter mir im Gebüsch knacken! Total erschro­cken bin ich zusammengefahren. Martin tauchte wie ein Spanner aus den Rhododendrenbüschen hinter Cordulas Grab auf. Als ich ihn zur Rede stellte, fing er erbärmlich zu weinen an!“
„Es klingt wahrlich nicht so, als wenn er den richtigen Abstand hat. Schade, schade, Elvira.“
„Mir kam es ehrlich gesagt so vor, als würde er sehen wollen, wer an Cordulas Grab geht, bevor er sich selber zeigt, Mutti.“
„Meinst du wirklich?“, fragte meine Mutter zweifelnd. „Vielleicht hat das einen ganz natürlichen Grund.“
„Was hat ein erwachsener Mann zwischen Rhododendrenbüschen zu su­chen?“
„Vielleicht musste er pinkeln!“
„Mutti! Auf dem Friedhof! Das tut man nicht!“
„Elvira, glaub mir, Männer sind so!“