14. September 2011

Folge 1: Mord! Elviras Weg zum Buddhismus

„Für jeden von uns gibt es einen rechten Weg durch das Leben.
Man muss nur den richtigen Hinweisschildern folgen!“



Geh vor die Tür


„Elvira, er ist wirklich schief!“
„Mutti?“
„Ich habe mich heute Nachmittag darunter gestellt!“
„Mutti, bist du das?“
„Natürlich, wer ruft dich sonst an?“, fragte meine Mutter. „Elisabeth hat mich fotogra­fiert. Es sieht so aus, als würde ich ihn stemmen!“
„Woher willst du das jetzt schon wissen?“
„Schon? Man sieht es doch sofort auf dem Display!“
„Mutti, ihr könnt mit einer Digitalkamera umgehen?“
„Elvira, ich bin noch nicht mal achtzig! Was du immer denkst! Außerdem habe ich ja diesen Kurs mitgemacht!“
„Du hast einen Kurs in Digitalfotografie belegt, Mutti? Du?“
„Elvira, deine Zeit ist gleich rum! Ich schreibe keine Karten mehr! Was willst du also hören?“
„Wie?“
„Willst du von meinem Kurs zu Hause hören oder von meiner Reise?“
„Wo bist du überhaupt, Mutti?“
„Rate mal! Wo steht denn wohl der schiefe Turm?“
„Der schiefe Turm von Pisa! Ich dachte, du wolltest ein paar Tage nach Venedig, Mutti?“
„Du hörst mir nie zu! Ich habe gesagt, ein paar Tage Venedig, ein Zwischen­sto­pp in Pisa und ein paar Tage in Florenz!“
„Das ist doch viel zu anstrengend für dich, Mutti!“
„Anstrengend? Anstrengend ist es zu Hause zu sitzen und auf seine Kinder zu war­ten.“
„Mutti! Meinst du, wir müssen uns mehr um dich kümmern?“
„Um Gotteswillen, Elvira! Denk lieber an deine eigenen Kinder. Geh selber vor die Tür und lern andere Leute kennen. Männer zum Beispiel!“
„Mutti, ich …!“
„Elvira! Deine Zeit ist jetzt rum. Ich muss weiter! Grüß die Kinder! Arrive­derci!“

 

Elvira


Mein Name ist Elvira Winniefried. Vor vier Monaten wurde ich zweiundvier­zig Jahre alt. Ich bin eine sitzengelassene Ex-Ehefrau. Zudem bin ich Mutter von drei Kindern. Vom späten Sonntagnachmittag bis zum nächsten Sonnabendmor­gen kümmere ich mich mit all meiner Energie und Fürsorge um sie. Sobald ihr Vater sie jedoch wie jedes Wo­chenende zu sich geholt hat, gebe ich mich meinem ganz persönlichen Wochenendver­gnügen hin.
Die hiesige Freiwillige Feuerwehr veranstaltete anlässlich ihres hundertjährigen Beste­hens eine Tombola. Auf ein Wellnesswochenende hoffend, kaufte ich fünf Lose und gewann eine Digitalkamera. Mit zusammengekniffenen Augen konnte ich die Bedie­nungsanleitung problemlos lesen, allerdings ohne allzu viel zu verstehen. Laurens, mein ältester Sohn, erbarmte sich daraufhin meiner und bemühte sich redlich, mir die verschie­denen Funktionen zu erklären. Nachdem ich mir auf sein Anraten hin eine Lesebrille aus der Drogerie mitgebracht hatte, konnte auch ich die Icons erkennen, über die er sprach
„Mama, du hast wirklich Wurstfinger!“, kommentierte Laurens meine Bemü­hungen, die Icons anzutippen.
„Bin ich eine Maus?“, antwortete ich genervt. „Für eine größere Kreatur scheint diese Tastatur wohl kaum entworfen zu sein!“
Bevor ich mich mit meiner neuen Kamera vor die Tür traute, versuchte ich mich zwei Tage lang an meinen Kindern und an Dingen, die nicht fortlaufen konnten.
Drei Mittelreihenhäuser waren im Sucher zu erkennen. Ich drückte auf Zoom. Nur noch unser Haus war zu sehen. Ein kurzer Plattenweg führte zum Eingang hin. Links und rechts davon wuchs der Rasen kümmerlich. Die Fahrräder meiner Kinder waren darauf achtlos abgestellt. Ich ging durch den Garagenhof am rechten Ende unserer Reihenhauszeile, vorbei an den Nachbarhäusern. Von unserem Garten aus zoomte ich die rückwärtige Ansicht des Hauses heran. In einem Halbrund hatte ich vor der Terrasse ein kleines Beet angelegt. Ein paar Blumen fristeten ein jämmerliches Dasein. Ich bin keine begnadete Gärtnerin. Trotzdem drückte ich auf den Auslöser.
Jedes Jahr im November hatten wir unser offizielles Familienfoto gemacht. Rechtzeitig zu Weihnachten verschickte ich es an meine Verwandtschaft und die meines Göttergat­ten. Vor vierzehn Jahren waren nur Lothar und ich mit Laurens auf dem Arm zu sehen. Der kleine Wicht hatte einen Schnuller im Mund und eine Rassel in der Hand. Nach zwei Jahren gesellte sich Nathalie zu uns auf das Weihnachtsfoto, drei Jahre später kam Maximilian dazu. Irgendwann war Lothar nicht mehr darauf zu sehen. Ich schickte unser jährliches Foto nur noch an meine Familie.
Warum hatte ich in all den Jahren niemals unser jeweiliges Haus fotografiert? Ich schaute wieder durch den Sucher. Das Wohnzimmerfenster reflektierte meine Silhouette. Nicht groß, nicht schlank, nicht klein, nicht dick. Würden zwanzig Fotografen neben mir gestanden haben, ich würde mich in der Menge selber nicht wieder erkannt haben. Nicht, weil ich nicht weiß wie ich aussehe, nein, wenigstens fünf Silhouetten würden meiner gleichen.
Ich konzentrierte mich auf die Umrisse hinter den Reflexionen. Ich sah den Fernseher, das Sideboard an der linken Wand und mein geliebtes Sofa. Wieder drückte ich auf den Auslöser.
Am Wochenende liege ich gerne faul auf meinem Sofa mit einem Buch vor der Nase. Auf dem Fußboden zu meiner linken Seite ein Tässchen Tee, gelegentlich ein Glas Sekt. Ja, ich liebe es zu lesen, aber nicht zu jeder Tages- und Nachtzeit. Ich gehöre nicht zu jener Spezies verhärmter Ex-Ehefrauen, die sich an den väterlichen Besuchstagen ihrer Kinder vor der Welt verstecken. Nein, niemals werde ich diese finale Demütigung einer abgehalfterten Gattin zulassen! Nicht ich, niemals!
Eines meiner Wochenendvergnügen hieß Alfons, dann kam Michael, dazwi­schen gab es ein Intermezzo mit Hans-Jürgen. Norbert und andere gehörten ebenfalls zu dem Reigen meiner Lover.
Neige ich zur Promiskuität? Warum soll ich mir darüber den Kopf zerbre­chen? Wäre ich ein Mann, würden mich die Altersgenossen meiner Mutter wohl als „tollen Hecht“ bezeichnen. Damen mit einem gewissen Lebenswandel hingegen pflegt meine Mutter – hinter vorgehaltener Hand versteht sich – als „Wanderpokal“ zu bezeichnen. Bin ich ein Wanderpokal? Nein. Entscheidet der Pokal, wer ihn bekommt? Nein. Ich aber ent­scheide, definitiv!
Seit mein Ex-Göttergatte Lothar meiner Obhut leid wurde, lehne ich jegliche Fürsorge meinen jeweiligen Partnern gegenüber ab. Ich koche keine Fünf-Gänge-Menüs für sie, ich wasche nicht ihre Hemden und ich verschließe meine Ohren vor jedweden Tiraden gekränkten Männerstolzes. Wer immer mit mir zusammen sein will, soll es ausschließlich um meinetwillen wollen.

 

Lothar


Mein Ex-Göttergatte ist ein Mann ohne Phantasie. Die Räume, in denen er sich wohl­fühlt, spiegeln seinen Mangel an Kreativität nur zu gut wider. Im Laufe unserer Ehe mürbe geworden, lehnte ich mich zu guter Letzt nicht mehr dagegen auf. Inzwischen wohnt Lothar in einem von seiner zweiten Frau geschmackvoll eingerichtetem Bungalow, während unsere Kinder und ich nach unserer Trennung in dem kleinen Mittelreihenhaus blieben.
Es ist die Ironie des Schicksals, dass ich ausgerechnet in Bargteheide, einer Kleinstadt in Schleswig-Holstein nordöstlich von Hamburg, heimisch wurde. Schon als Kind hatte ich davon geträumt, aus der Enge unseres kleinen Dorfes Wildemann im Harz zu ent­kommen. Bargteheide war wahrlich nicht das Ziel meiner Träume gewesen.
Als mich mein damaliger Göttergatte informierte, dass wir aus beruflichen Gründen – sei­nen, nicht meinen – nach Hamburg umziehen müssten, hatte ich mir kurzerhand einen Faltplan dieser Metropole gekauft. Elbe und Alster waren mir geläufige Begriffe, aber ich war nicht so naiv zu glauben, wir würden uns an ihren Ufern ein Haus leisten können. Ein prüfender Blick auf die Karte unserer zukünftigen Wohnorte hatte mir bis dahin immer gereicht, um herauszufinden, wo die grünen, zentralen Oasen lagen, in denen ich mich nach einem neuen Zuhause umschauen konnte.
Mein Versuch, den Faltplan auf dem Esstisch hinzulegen, scheiterte kläglich. Die östli­chen Stadtteile hingen über die Tischkante und zogen den Rest von Hamburg mit zu Boden. Nachdem ich eine Bodenvase zur Seite gewuchtet hatte, diverses Spiel­zeug aufgesammelt und einen Sessel an die Wand gerückt hatte, gelang es mir den Stadtplan auf dem Teppichboden auszubreiten. Ich kniete mich davor und sah schnell ein, dass ich eine Stadt dieser Größenord­nung nicht mit einem Blick erfassen konnte. Ich stellte mich auf einen Stuhl, nun schaute ich zwar auf das gesamte tumorartige Gebilde, aber wie sollte ich aus dieser Höhenlage entscheiden, auf welche Bereiche ich meine Haussuche konzentrieren sollte? Ich hockte mich wieder auf den Fußboden. Hier und dort sah ich vielversprechende grüne Flecken, aber ob sie zentral gelegen waren, ver­mochte ich bei einer Stadt dieser Ausmaße nicht zu sagen. Schließlich kaufte ich mir einen Reiseführer über Hamburg. Er begann mit dem Hinweis, dass man dort so gut wie nie links abbiegen könne!
„Was soll ich in solch einer komischen Stadt? Wie soll ich mich zurechtfinden, wenn ich immer nur rechts abbiegen kann und mich wie ein Kreisel meinem eigentlichen Ziel nähern muss?“, fragte ich mich.
Kurzerhand entschied ich mich gegen Hamburg und für eine Kleinstadt in dessen Einzugsgebiet. Eine Maklerin empfahl mir ein Mittelreihenhaus. Noch bevor wir die Besichtigung beendet hatten, schlug ich in den Handel ein. Hätte ich es nicht fälschli­cherweise für eine weitere, kurze Zwischenstation in unserem Zigeunerleben gehalten, hätte ich den hiesigen Immobilienmarkt gründlicher durchforscht. Wahrscheinlich würden wir bis zur nächsten Versetzung meines Mannes sowieso nicht länger als ein oder zwei Jahre bleiben, vermutete ich damals. Warum hätte ich also mehr Aufwand betreiben sollen?
Mein geheimer Stolz war das kleine Gästezimmer. Bei der Hausbesichtigung war mir der Raum sofort ins Auge geschossen. Nach Süden gelegen, zwar nur im Kellergeschoss, aber mit einem kleinen Fenster versehen, war es da drinnen erstaunlich hell. Der damalige Besitzer hatte jedoch nur seine Werkbank und diverse Kisten und Kästen darin unterge­bracht. Die Wände waren unverputzt und schmutzig, der Fußboden im selben Zustand wie ihn die Bauarbeiter hinterlassen hatten. Nachdem wir eingezogen waren, sich die Kinder an die neue Umgebung gewöhnt hatten und begannen Freundschaften zu schlie­ßen, machte ich mich ans Werk. Ich kaufte mir ein Buch für Heimwerker und verputzte die Wände eigenhändig. Lothar rümpfte die Nase und wies mich auf jede noch so kleine Unebenheit hin. Ich ließ mich nicht beirren und tönte die Wände mithilfe eines Schwamms in ein warmes Gelb. Mein Heimwerkerbuch aufgeschlagen neben mir liegend, die Ratschläge des Verkäufers noch frisch im Ohr, verlegte ich als Nächstes die Auslegeware. Dabei schnitt ich mir so heftig in den linken Zeigefinger, dass ich erst am übernächsten Tag meine Arbeit beenden konnte. Ein paar Tage später fuhr ich zu IKEA und kaufte ein günstiges, nicht allzu ausladendes Bettsofa und eine kleine Kommode.
Wissen Sie wofür die Initialen IKEA stehen? Als ich vergeblich probierte die großen Kartons in den Fond meines Autos zu wuchten, fiel es mir wieder ein:
I ch K riege E inen A nfall!
Erst dank der Hilfe zweier anderer Kunden bekam ich die beiden Möbelstücke in mei­nem Van verstaut. Doch wie sollte ich die Kartons zu Hause in den Keller transportiert bekommen? Abends bat ich meinen Gatten mir zu helfen. Er winkte entschieden ab. Unverschämt setzte Lothar nach, er hätte schon oft gelesen, dass Frauen, die sich unaus­gelastet fühlen, anfangen mit Möbeln durch das Haus hin- und herzuziehen! Untätig blieb er vor dem Fernseher sitzen.
Am nächsten Tag versuchte ich meine Einkäufe allein aus dem Auto zu zerren. Ein Nachbar packte unaufgefordert mit an. Drei Wochen später luden uns Siegfried Krone­beck – wie sich mein Helfer vorgestellt hatte - und seine Frau Anna zu einer Grillparty unter Nachbarn ein. Lothar entschied, dass wir nicht hingehen würden. Ohne mich zu fragen, hatte er bei unseren Nachbarn abgesagt.
„Reihenhausnachbarschaftsklüngel!“, meinte mein damaliger Göttergatte abfällig, als ich ihn zur Rede stellte.
Als ich das nächste Mal auf Anna und Siegfried traf, entschuldigte ich unser Fernblei­ben mit einer Familienangelegenheit. Schweigend schaute mich Anna eine Weile an, dann erhellte ein munteres Lächeln ihr Gesicht. „Aber jetzt hast du doch bestimmt Zeit für ein Tässchen Kaffee?“
Dankend nahm ich an. Mit der Zeit entwickelte sich zwischen uns dreien eine Freund­schaft. Unsere Unterhaltungen sind angeregt, aber niemals bedrängen wir uns gegenseitig mit allzu intimen Fragen. Diese Zurückhaltung habe ich besonders während meiner Trennungszeit zu schätzen gewusst.

 

Kirsten


Eine Ehe schützt nicht vor Einsamkeit. Mein Ex-Göttergatte hat mich meiner Wurzeln entrissen, war mit mir von A nach B gezogen. Von morgens früh bis spät in den Abend an sein Büro gebunden und am Wochenende zu erschöpft, blieb es mir überlassen, einen neuen Freundeskreis aufzubauen. Begannen die Kinder und ich gerade Fuß zu fassen, hieß es wieder Umzugskartons zu packen. Für mich in der Tat, nicht für Lothar. Ich packte, er machte Karriere. Ruhe in mein Leben brachte eine Frau.
Unser Scheidungsgrund heißt Kirsten Schoffenbach-Winniefried, geborene Schoffen­bach, geschiedene Mührnau. Zum erstenmal in seinem Leben packte mein Gatte selber und zog zu Kirsten. Seine neue Ehefrau hatte ihm gleich zu Beginn ihrer Beziehung erklärt, dass sie unter keinen Umständen fortziehen werde. Mein Ex-Göttergatte nahm es ergeben hin und verweigerte zukünftig weitere karrierefördernde Versetzungen.
Ich habe keine Vorbehalte gegen Kirsten, ganz im Gegenteil. Inzwischen bin ich so­weit mir einzugestehen, dass meine Ehe schon lange bevor Kirsten in unser Leben trat, am Ende war. Nur noch Gewohnheit hatte Lothar und mich zusammengehalten. Auf die Idee einen endgültigen Schlussstrich zu ziehen, wären wohl weder er noch ich von selber gekommen. Wäre Kirsten nicht gewesen, würde ich immer noch ein Zigeunerleben führen.
Sicherlich, zuerst war es ein harter Schlag gewesen, plötzlich als verlassene Ehefrau dazustehen. Es machte mir wenig Probleme zu akzeptieren, eine gescheiterte Ehe hinter mir zu haben. Ich ärgerte mich aber maßlos, nicht selber die Initiative ergriffen und einen Schlussstrich gezogen zu haben. Ich missgönnte Lothar diesen Triumph zutiefst. Auf Rache sinnend, entschloss ich mich, meinen ehemaligen Traummann an seiner empfind­lichsten Stelle zu treffen.
Ich kannte Lothars fast schon krankhafte Abneigung, für jemand anderen auch nur einen Pfennig herauszurücken, nur zu gut. Ich forderte, dass mir unser Reihenhaus überschrieben wurde sowie Unterhaltszahlungen, die meinen Kindern und mir ein Leben im gewohnten Stil ermöglichten. Zudem sollte meine Altersversorgung solide abgesichert werden. Ich sah Lothar bildlich vor mir, wie er Magenkrämpfe beim Lesen meiner Ansprüche bekam. Der Gedanke an die schlaflosen Nächte, die ich ihm bereitete, ließ mich vor Häme zufrieden einschlafen. Leider hatte ich mich zu früh gefreut! Nach ein paar Diskussionen unserer Anwälte um formale Punkte wurde meinen Forderungen bedingungslos nachgegeben! Lothar beanspruchte lediglich seine ganz persönlichen Dinge, was immer wir sonst gemeinsam angeschafft hatten, sollte ich behalten. Mit solch einer kampflosen Aufgabe seinerseits hatte ich wahrlich nicht gerechnet! Ich fühlte mich wie ein kriegsbereiter Soldat, der seines Feindbildes beraubt wurde. Hatte ich Lothar nach all den Jahren völlig falsch eingeschätzt?
Obwohl ich bereits seit fast zwei Jahren in Bargteheide wohnte und in einer Kleinstadt viel getratscht wird, kam mir erst nach unserer Scheidung zu Ohren, dass Kirsten in jungen Jahren von ihrer Tante ein beträchtliches Vermögen geerbt hatte. Zudem war sie eine über die Maßen erfolgreiche Einrichtungsbera­terin. Lothar hatte sich auf Rosen gebettet. Nun war es an mir, mich in schlaflo­sen Nächten darüber zu ärgern, nicht weit mehr verlangt zu haben!
Heiligabend feierten Kirsten, Lothar, Nathalie, Laurens, Maximilian und ich zusammen. Um der Kinder willen hatte ich zugestimmt, als Kirsten den Vor­schlag machte. Zu meiner Überraschung begann ich sofort unsere gemeinsamen Feiern zu genießen. Was gab es Entspannenderes für mich, als meinem Ex-Göttergatten zuzu­schauen wie er ohne unsere Hilfe den Tisch abräumte?
Als ich bei unserem ersten gemeinsamen Weihnachtsabend mitanpacken wollte, hatte mir Kirsten augenzwinkernd zugeraunt: „Gib´ ihm den kleinen Finger und er nimmt die ganze Hand! Elvira, bleib sitzen!“ Dann hatte sie laut in Richtung Küche gerufen: „Lieb­ling, bevor du die Spülmaschine einräumst, bring bitte erst den Champagner für Elvira und mich!“
Ich bin mir sicher, wenn Kirsten nicht Lothar kennen gelernt hätte, hätte sie sich einen Dackel zugelegt.

 

Cordula


Wenn Sie nicht allein sein wollen, dann kaufen Sie sich einen Hund oder schaffen Sie sich Kinder an. Der Hund wird irgendwann sterben, die Kinder werden aus dem Haus gehen. Bis es soweit ist, liegen viele Elternabende, Fahrbereitschaften, Aktionswochen und Elterninitiativen vor Ihnen. Sie werden zahlreiche Gelegenheiten geboten bekom­men, neue Bekanntschaften zu knüpfen. Nicht nur besorgte Mütter, sondern auch Väter werden sie kennen lernen. Ich habe festgestellt, dass viele der von ihren Kindern ge­trenntlebenden Väter die Engagiertesten sind. Sind sie erst einmal vor die Tür gesetzt worden, wollen sie ihr Versagen durch Hingabe vergessen machen. Trotzdem sind und bleiben sie Männer, die sich nach mehr als nur der Zuneigung ihrer Kinder sehnen. Als alleinerziehende Mutter mit freiverfügbaren Wochenenden bieten sich mir reichlich Chancen auf erhöhte männliche Aufmerksamkeit.
Cordula und ich haben uns durch unsere Kinder kennen gelernt. Mit der Zeit wurden wir zu Freundinnen. Wie ein Hund seinem Herrchen war sie ihrem Mann, einem Koch der obersten Kategorie, durch Europa gefolgt. Solange bis sich Martin mit einem Restau­rant in einem restaurierten Herrenhaus am Rande von Bargteheide selbständig machte. Endlich zur Ruhe gekommen, stellte meine Freundin eine Liste der Topten Prioritäten ihres Mannes auf. Das Restaurant, der erste Stern und sein Porsche bildeten den Anfang. Als Cordula ernüchtert feststellte, dass sie nicht unter den ersten fünf Plätzen war, reichte sie die Scheidung ein.
Cordula bekam das alleinige Sorgerecht für ihre Töchter Marie und Lisa zugesprochen. Martin durchlebte die erste Depression seines Lebens. Nur sonntags durfte er seine Kinder sehen. Schmerzlich für Martin, war doch der Sonntag in seinem Restaurant einer der umsatzstärksten Tage. Sein Ausbleiben schlug zu Buche. Trotzdem verzichtete er nicht auf diesen gemeinsamen Tag mit seinen Töchtern. Wenn er Marie und Lisa zurück­brachte, hatte er Tränen in den Augen, berichtete mir Cordula. Ob wegen der Kinder oder wegen der Umsatz­einbußen, blieb Martins Geheimnis. Cordula sah jedoch ihr Trumpfas vor sich liegen und wusste es zur rechten Zeit auszuspielen. Sie setzte durch, dass die Unterhaltszahlungen neu verhandelt wurden. Cordula ließ Martin nicht im Unklaren darüber, in welcher Weise sie sich erkenntlich zeigen würde. Sobald eine Regelung zu Cordulas Zufriedenheit vereinbart wurde, räumte sie Martin das widerrufli­che Recht ein, die Kinder ab Schulschluss am Montag, seinem Ruhetag, am Dienstag, an dem er das Restaurant wegen der geringen Nachfrage seinem Stellvertreter überlassen konnte und Mittwoch bis Schulbeginn bei sich zu haben.
Wer so oft umgezogen ist wie ich weiß, dass sich Freundschaften über eine gewisse Distanz nur selten aufrecht erhalten lassen. Man telefoniert gelegentlich miteinander, trifft sich vielleicht noch ein- oder zweimal und spätestens nach einem weiteren Umzug ist die Telefonnummer verschwunden. Ich habe noch nie gerne vor anderen Leuten mein Innerstes nach außen gekehrt. Dennoch konnte ich mir gut vorstellen, dass es der ehemaligen Vertrauten um so leichter fallen würde, die eine oder andere Anekdote preiszugeben, wenn man erst einmal von „der guten Freundin“ in die Kategorie „frühere Bekannte“ gerutscht ist. Mir läuft jedes Mal ein Schauer den Rücken herunter, wenn ich an die Momente denke, in denen ich meine Zurückhaltung aufgegeben habe. Je mehr Vertraulichkeiten ausgetauscht wurden, desto schmerzlicher wird das Ganze. Cordula wird ähnliche Erfahrungen gemacht haben. Wir beide vertrauten uns, wurden aber selten wirklich vertraulich. Unsere Gespräche kratzten kaum tiefer als an der Oberfläche. Nur wenn es Martin betraf, gab Cordula ihre Zurückhaltung auf.
„Ich weiß nicht, was Martin noch erwartet! Wenn er die Mädchen zurück­bringt, schaut er immer wie ein begossener Pudel aus“, ließ sich Cordula bei mir aus.
„Er kann sich halt nicht damit abfinden, dass du ihn vor die Tür gesetzt hast!“
„Dein Göttergatte kann es doch auch.“
„Mein Ex-Göttergatte, bitte schön! Ich habe ihn doch nicht vor die Tür gesetzt. Er hat selber entschieden zu Kirsten zu ziehen, das ist ein Unterschied.“
„Ich wünschte, für Martin gäbe es auch eine Kirsten!“ Nervös spielte Cordula mit ihrem Schlüsselbund. „Er denkt offenbar, dass ich ihm immer noch Rechenschaft über mein Tun und Lassen abgegeben muss. Andauernd versucht er herauszubekommen, was ich von Montag bis Mittwoch gemacht habe. Er drängt Marie und Lisa sogar zwischen­durch bei mir anzurufen. Wenn sie mich nicht erreichen, fragt er später tatsächlich nach, wo ich gewesen bin! Meint er, ich lebe im Kloster? Was geht es ihn überhaupt noch an?“
„Gibst du ihm Antworten?“
Schelmisch grinsend schüttelte Cordula den Kopf und verstaute ihr Schlüssel­bund in der Jackentasche: „Wem würde es nützen?“
Martin würde es wohl kaum nutzen. Ich vermutete, dass er immer noch von Eifersucht besessen war.
Ich beneidete Cordula um ihre Figur. Seit der Pubertät habe ich in jedem Jahrzehnt sieben Kilo zugenommen – wenn ich meine Waage wohlwollend betrachtete. Cordula hingegen war klein und zierlich – der Typ von Frau, der noch mit fünfzig mädchenhaft wirkt. Welcher Mann träumt nicht davon eine ewig Zwanzigjährige an seiner Seite zu haben? An Angeboten wird es Cordula nie gemangelt haben. Doch war ich mir sicher, dass sie Martin niemals betrogen hatte. Brauchte aber Eifersucht einen realen Grund?
Während ihrer Ehe hatte sich Cordula bitterlich beklagt, kein einziges Wort mit einem Mann wechseln zu können, ohne dass Martin ihr ein Verhältnis unterstellte.
„Sogar mit unserem Steuerberater, stell´ dir nur vor, Elvira, der ist schon dreiundsech­zig! Leide ich etwa unter einem Vaterkomplex?“
Wütend zog Cordula an ihrer Zigarette, gleich darauf bekam sie einen Husten­anfall. Mitfühlend klopfte ich ihr auf den Rücken. „Bei deren Gebührensätzen, solltest du dann wenigstens nicht vergessen, Rabatt auszuhandeln!“
Zu Scherzen war Cordula nicht aufgelegt. Ärgerlich nahm sie einen Schluck Kaffee und schimpfte weiter: „Ach! Als ich letzte Woche von der Dauerwelle nach Hause kam, stand für Martin natürlich fest, dass ich mit Frank ein Verhältnis habe. Als wüsste nicht jeder, dass Friseure schwul sind! Mein Mann, mit all seinen Hirngespinsten, ist total durchgeknallt!“
Cordula hatte sich vollends in Rage geredet.
„Was, glaubst du, passiert aber, wenn ich zu Hause bleibe? Hmm?“ Funken schienen aus ihren hübschen blauen Augen zu sprühen. Wahrscheinlich wäre sie vollends ausge­rastet, wenn ich ihr gesagt hätte, wie attraktiv aussah, wenn sie wütend war. „Weißt du, was passiert?“
Ich wusste es nicht.
„Gar nichts. Tote Hose. Meistens ist Martin sowieso nicht daheim. Er schafft es aber trotzdem, mindestens fünf Mal pro Tag anzurufen. Wehe, wenn ich nicht sofort den Hörer abnehme! Dann ist später der Teufel los.“


Martin


Ich kann nicht behaupten, Martin wirklich zu kennen. Während ihrer Ehe hatte ich ihn nur dann und wann getroffen, wenn ich Cordula zu Hause besuchte. Über ein flüchtiges Geplänkel waren wir nie hinausgekommen. Mir war es Recht so. Was interessierte mich der Ehemann meiner Freundin? Ein einziges Mal bekam ich allerdings Besuch von Martin. Damals lebten die beiden bereits in Scheidung. Nachdem ihn Cordula vor die Tür gesetzt hatte, war Martin widerstrebend in ein kleines Appartement oberhalb seines Restaurants gezogen.
Ich hatte mir vorgenommen, meine kleine Sammlung von Drucken Worpswe­der Maler im Esszimmer aufzuhängen. Lange Zeit hatten sie ein Dasein in einem Umzugskarton fristen müssen. Mein Ex-Göttergatte hatte seinerzeit gemeint, sie hätten eine so düstere Aura, die ihm wahrlich den Appetit verderben würde.
„All die armen Bauernkinder mit ihren großen Augen. Und nichts als schlech­tes Wet­ter im Hintergrund“, hatte er seufzend gemeint.
Ohne mir auch nur ein einziges Mal mit dem Hammer auf den Daumen zu schlagen, war ich beim sechsten Nagel angekommen, als es an der Tür läutete. Da ich keinen Besuch erwartete und es bereits dämmerte, guckte ich vorsichts­halber durch das Küchen­fenster neben der Haustür. Zunächst erkannte ich ihn nicht. Martin war, seit ich ihn das letzte Mal gesehen hatte, regelrecht aufgedun­sen. Die dunklen Ringe unter seinen Augen ließen ihn zudem älter erscheinen. Ohne Begeisterung öffnete ich die Tür und bat ihn hereinzukommen. Schwei­gend folgte er mir in das Esszimmer.
Paula Modersohn und Konsorten schienen Martin nicht zu beeindrucken. Ohne Um­schweife fragte er mich: „Elvira, wie ist der Name von Cordulas Neuem?“
Verblüfft schaute ich ihn an. Kein „Wie geht’s?“, kein „Entschuldige bitte die Störung.“ Nein, Martin fiel gleich mit der Tür ins Haus.
„Welcher Name?“, fragte ich.
„So, aha! Du weißt also nicht welcher Name! Hat sie also gleich mehrere, die Schlampe! Sag mir die Namen“, forderte er mich lautstark auf.
„Ich hab überhaupt nicht ... ach was. Was Cordula treibt, geht dich nichts mehr an!“
„Treiben, das ist gut gesagt! Von ihrer eigenen Freundin! Immerhin bin ich ihr Mann!“
„Nicht mehr lange, Martin!“, erinnerte ich ihn.
„Ich will die Namen wissen“, schrie er mich an. „Das bist du mir schuldig!“
Mein Adrenalinspiegel schoss soweit nach oben wie seit meiner Trennung nicht mehr. Was war ich diesem fetten Kerl schuldig? War ich überhaupt irgendeinem Mann etwas schuldig?
„Nun mach mal einen Punkt! Ich bin, verdammt noch mal, keinem Mann etwas schul­dig, dir am allerwenigsten!“, brüllte ich zurück.
„Ich wusste gleich, dass du Cordula nicht gut tust! Eine verlassene Emanze! Du hast sie gegen mich aufgewiegelt!“
Mit hochrotem Kopf kam Martin auf mich zu. Abwehrend reckte ich mich zur vollen Größe auf, leider bringe ich es nur auf 1,68 m. Martin trat noch einen Schritt weiter auf mich zu. Trotzdem wich ich keinen Zentimeter zurück. Plötzlich hielt Martin inne und ließ sich auf einen Stuhl gleiten. Schluchzend verbarg er sein Gesicht hinter seinen Händen.
Wütende Männer lassen bei mir die Alarmglocken klingen. Weinende Männer bringen mich um den Verstand! „Verschwinde! Sofort raus hier!“, wies ich ihn erbost an.
Martin blieb weinend an meinem Esstisch sitzen. War ich geschieden, um mich weiter­hin mit Männerproblemen zu belasten? Wütend holte ich mit meinem rechten Fuß aus. Versehentlich trat ich gegen das Stuhlbein, mit zusammengebissenen Zähnen holte ich noch einmal aus und traf Martins linkes Schienbein. Winselnd heulte er auf. Ich holte zum nächsten Tritt aus. Martin sprang von dem Stuhl hoch und baute sich mit irrem Blick vor mir auf. Ohne zu überlegen, was ich tat, griff ich nach meinem Hammer und schwang ihn drohend durch die Luft.
„Raus! Sofort raus hier, Martin! Mach, dass du verschwindest!“
Schlagartig drehte sich Martin um und stürmte aus dem Esszimmer. Die Haustür fiel mit einem lauten Krachen hinter ihm zu. Verärgert schnappte ich mir einen weiteren Nagel und schlug mit dem Hammer darauf. Volltreffer! Cordula habe ich den wahren Grund für meinen blauen Daumennagel ver­schwiegen.

Adonis


Während ich am Wochenende den seriösen Mantel der Mutter mit einem roten Neg­lige tauschte - selbstverständlich nur sprichwörtlich -, fanden Cordulas gewisse Stunden am Wochenanfang statt, während ihre Töchter beim Vater waren. Wir beide hatten uns unsere Vergnügen völlig unabhängig von einander und ohne Wissen der anderen ge­gönnt. Erst durch ein Ungemach einer ihrer Liebhaber erfuhren wir, dass Cordula und ich demselben Zeitvertreib frönten.
Unbarmherzig riss mich eines Nachts das schrille Klingeln des Telefons aus dem Schlaf. Beim ersten Laut begann mein Herz wie ein Rennwagen zu rasen. Mein Blut zirkulierte mit solch einer Geschwindigkeit durch meinen Körper, dass ich den Eindruck hatte, mein Kopf würde zerspringen. Nächtliche Anrufe verursachen bei mir katastro­phale Angstzustände. Sicherlich lag meine Mutter im Sterben! Vielleicht war eines der Kinder von einem LKW zerquetscht worden!
„Mitten in der Nacht?“, rief die Vernünftige in mir zweifelnd.
„Die Gefahr lauert überall!“, antwortete meine ängstliche Seite.
„Die Kinder liegen wohlbehalten in ihren Betten!“, hörte ich die Vernunft einwerfen. „Oder etwa nicht?“
Von Panik ergriffen, sprang ich aus dem Bett. Mein Kreislauf brach zusam­men. Tau­melnd fiel ich wieder zurück auf die Matratze. Kirsten? War Kirsten verunglückt? Wollte mein Ex-Göttergatte von mir getröstet werden? Sofort murmelte ich ein Stoßgebet:
„Lieber Gott, lass´ es bitte nur einen Spanner sein!“
Mit einem Stöhnen in der Leitung würde ich zurecht kommen. Hastig nahm ich den Hörer auf. „Winniefried.“
„Elvira! Elvira!“, kreischte eine Stimme.
„Ja, ja, ich bin´s! Was ist passiert?“
„Elvira! Elvira!“
Immer wieder wurde ich hysterisch bei meinem Namen gerufen. Die Frauen­stimme kam mir bekannt vor, ich konnte sie jedoch keinem Gesicht zuordnen. Meine Schwester? Niemals würde sie hysterisch werden. Nicht einmal, wenn unsere Mutter in Tanjas durchgestyltem Wohnzimmer tot zusammenbrechen würde.
Mein Name hörte sich inzwischen wie der eines mexikanischen Freiheitskämp­fers an. „El Fiera! El Fiera!“
Plötzlich wurde es am Ende der Leitung still. Nein, nicht vollkommen. Auf­merksam presste ich den Hörer an mein Ohr. In der Ferne vernahm ich erbärmliches Stöhnen. Hatte ich es doch gewusst! Fluchend knallte ich den Hörer auf die Gabel. Unbeirrt begann das Telefon nach einem kurzen Augen­blick erneut zu läuten. Das Klingeln ließ sich nicht ignorieren, an Schlaf war so nicht zu denken. Ich rollte mich auf den Bauch, robbte vor in Richtung Telefonbuchse und griff nach dem Stecker, um ihn herauszuzie­hen. Schlagartig fiel mir ein, wem die Stimme gehörte.
„Hallo Cordula! Was gibt`s?”
„Ooooh, Elvira! Bitte!”, flehte sie. „Du musst unbedingt kommen. Bitte!“
„Ist etwas mit den Kindern?“
Ein gepresstes Lachen drang an mein Ohr. Wieder vernahm ich ein Stöhnen. „Bitte komm´ schnell, ich brauche dich, El Fiera!“, greinte meine Freundin.
Ich lasse meine Kinder nachts ungern allein, aber was sollte ich tun? Bei Cordula schien ein echter Notfall vorzuliegen. Rasch zog ich einen Jogginganzug an und legte einen Zettel mit Cordulas Nummer gut sichtbar auf den Teppich vor den Kinderzim­mern. So schnell ich konnte, eilte ich zu Hilfe.
Es gibt Dinge im Leben, über die man nicht gerne spricht, wohl aber herzhaft lacht – jedenfalls dann, wenn sie nicht im eigenen Schlafzimmer passieren. Ein splitternackter Mann lag eben dort stöhnend auf Cordulas Flokati. Tränen kullerten über sein Gesicht.
„Bandscheibenvorfall, vermutlich“, meinte Cordula, die eine examierte Kran­ken­schwester war. Dem jämmerlichen Stöhnen nach, hätte man jedoch auch auf eine bevor­stehende Geburt tippen können.
„Wie ist das denn ... Ok, vergiss` es.“ Zwei Uhr nachts war nicht meine geistige Glanz­zeit. „Was soll ich tun? Warum rufst du nicht einfach einen Arzt?“
Cordula sah mich entsetzt an. „Einen Arzt? Ich kann doch keinen nackten Mann in meinem Schlafzimmer von einem Arzt behandeln lassen!“
„Wieso nicht? Du bist doch nicht mehr verheiratet!“
„Ich nicht, aber ...“ Mit ihrer Rechten zeigte sie auf das Häufchen Elend. „Außerdem, was glaubst du wohl, was Martin daraus machen würde? El Fiera, hilf mir ihn wegzu­schaffen, El Fiera!“
Cordula stand eindeutig kurz vor einer erneuten Panikattacke. Wollte ich noch vor dem Morgengrauen zurück in mein Bett, musste ich mir schnell etwas einfallen lassen. „Erst mal bringen wir ihn nach unten und ziehen ihn an, dann sehen wir weiter.“
Die Männer, die in meinem Leben eine Rolle gespielt hatten, waren bei dem kleinsten Zipperlein so wehleidig wie die Prinzessin auf der Erbse gewesen. Dieses unbekleidete Exemplar bildete keine Ausnahme. Allein aufstehen wollte oder konnte Adonis nicht. Ich wies daher Cordula an, seine Beine hoch zu nehmen, während ich ihn bei den Schultern packte. Der gellende Schrei, der prompt folgte, schoss uns beiden durch Mark und Bein. Erschrocken fuhren wir zusammen und ließen Adonis wieder los. Bei der Erinnerung an das, was darauf folgte, klirrt mir noch heute das Trommelfell!
„Wie sollen wir diesen Jammerlappen loswerden, ohne dass die Nachbar­n aus Angst vor einer rituellen Schlachtung die Polizei rufen?“, fragte ich mich.
Ich setzte mich auf das Bett, um zu überlegen wie wir weiter vorgehen könnten, während Cordula nervös im Zimmer auf und ab lief. Abrupt blieb sie vor ihrem Kleiderschrank stehen und begann unablässig mit den Fäusten gegen das Holz zu trommeln. Auf eine Eingebung hoffend, betrachtete ich Adonis. Er brachte gut und gerne neunzig Kilo auf die Waage. Es war utopisch anzuneh­men, dass wir ihn ohne Hilfe aus dem Haus tragen konnten.
Adonis entsetzliches Geheule begann an meinen Nerven zu zerren, es erin­nerte mich zu sehr an meine drei Aufenthalte im Kreißsaal. Ich ging in das Badezimmer, nahm einen Waschlappen und stopfte ihn in seinen Mund. Mit erstickten Lauten jammerte Adonis weiter.
„Hast du eine Luftmatratze?“, fragte ich.
Cordula reagierte nicht. Immer noch hämmerte sie auf ihren Schrank ein. Plötzlich schrie sie aufgebracht: „Er soll verschwinden, El Fiera! Er soll verschwinden, El Fiera!“
„Cordula! Cordula!“ Ich packte sie bei den Schultern und schüttelte sie mit aller Kraft. „Hör auf damit. Hast du eine Luftmatratze? Antworte, sonst verschwinde ich!“
„Er soll verschwinden, El Fiera!“
„Ok, Cordula! Ich gehe!“
Entschlossen stieß ich meine Freundin von mir fort. Was hatte ich mit dieser grotes­ken Sache überhaupt zu tun? Wenn sich Cordula nicht im Griff hatte, sollte sie sehen wie sie allein zurecht kam. Es war mir ernst! Entschlossen drehte ich mich um und stapfte zur Tür. Mit einem Satz war Cordula bei mir. Ihre Fingernägel schlugen wie Krallen in meine Arme.
„Bleib! Elvira, bitte! Ich hole eine Luftmatratze! Bitte bleib!“
Vorsichtig und sanft als hätten wir es mit einem rohen Ei zu tun, bugsierten wir Ado­nis vom Flokati auf die Luftmatratze. Langsam schoben und zogen wir ihn in Richtung Treppe. Klägliches Gewinsel begleitete uns. Gottseidank wohnte Cordula in einem Haus mit versetzten Ebenen. Vor uns lag keine metertiefe Treppe, trotzdem mussten wir mit unserem Patienten immerhin sieben Stufen überwinden. Cordula sollte Adonis samt Matratze von der oberen Etage langsam über den Treppenabsatz schieben, während ich unterstützend vom Fuß der Treppe aus ziehen wollte. Zentimeter um Zentimeter arbei­teten wir uns vor. Der Waschlappen erstickte Adonis Schmerzensschreie.
Plötzlich senkte sich die Luftmatratze unterhalb seiner Knie ab. Das ganze Paket kam ins Rutschen. Ich ließ mich nach vorne fallen, bekam jedoch weder Adonis noch die Matratze zu fassen. Bevor der Arme polternd auf dem Dielenboden landete, schlug sein Kopf heftig gegen das Treppengeländer. Seit meiner Scheidung habe ich mich bemüht, mir jegliches Mitleid für Männer zu verkneifen. In diesem Moment wurde ich rückfällig.
Wie der Blitz schoss Cordula an mir vorbei. Entsetzt beugte sie sich über ihren Lieb­haber, der wie gekreuzigt am Boden lag. Die Arme weit ausgestreckt, sah er aus, als würde er seine Muse ein letztes Mal umarmen wollen. Seine Beine waren merkwürdig verdreht. Ein kleines Blutrinnsal lief über die rechte Schläfe.
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Kriminalroman, ISBN 978-3-938237-04-5
Paperback, 208 Seiten, 12.90 €
pirat-verlag, 2010