21. September 2011

Folge 2: Mord! Elviras Weg zum Buddhismus

„Er ist tot! Elvira! Er bewegt sich nicht mehr!“
„Er hat sich die ganze Zeit nicht bewegt. Nur geschrien hat er! Wie am Spieß!“
„El Fiera! Er schreit nicht mehr! Wir haben ihn umgebracht! El Fiera!“
Cordula bewegte sich schnurstracks auf einen Nervenzusammenbruch zu. Von einer Krankenschwester hatte ich mehr Contenance erwartet! Ich nahm den Waschlappen aus Adonis Mund, kein einziger Schrei entwich seinen Lippen. Mit zitternden Händen fühlte ich seinen Puls. Auch wenn Adonis es in diesem Moment wohl nicht so empfunden hat, hatte er Glück im Unglück gehabt. Unsere Rettungsaktion hatte er zumindest überlebt.
Ohne Cordulas hysterische Ausrufe zu beachten, rief ich einen Krankenwagen. „Ein nackter Mann in meiner Diele! Was soll ich bloß sagen, El Fiera?“
Ich ignorierte Cordula so gut es ging. Vielleicht hätte das Ganze ohne Luft­matratze weniger verwegen ausgesehen, jedoch scheute ich mich davor, sie fortzunehmen. Sie lag unter Adonis rechter Seite.
„El Fiera, was sollen die Leute bloß denken? Ein nackter Mann bewusstlos in meiner Diele, El Fiera!“
Meinen Namen habe ich niemals geliebt. Ich weiß nicht, was sich meine Mutter dabei gedacht hatte, als sie mich so nannte. Trotzdem hasse ich es, wenn mein Name verstüm­melt wird. Cordulas unentwegtes „El Fiera“ war dabei, mir den letzten Rest Verstand zu rauben.
„El Fiera, ein nackter Ma...“
Ruckartig schnellten meine Hände hoch. Das Klingeln an der Tür bewahrte meine Freundin vor einem Angriff auf Leib und Seele.
Wenn die Rettungskräfte der Anblick erstaunte, der sich ihnen bot, verkniffen sie sich jedoch jeglichen Kommentars. Geschickt hievten sie ihren neuen Patienten auf die Bahre. Ich begleitete sie hinaus. Noch bevor der Krankenwagen losfuhr, startete ich meinen Van, sollte Cordula selber sehen wie sie ihre Nerven wieder in den Griff bekam!
Todmüde ging ich am nächsten Vormittag an das Telefon.
„Elvira, du bist ein Schatz! Ohne dich hätte ich es niemals geschafft.“
Von einem Nervenzusammenbruch war bei Cordula nichts mehr zu spüren. Meine Freundin hörte sich geradezu euphorisch an. Scheinbar hatte keiner ihrer Nachbarn den nächtlichen Zwischenfall bemerkt.
„Du hast wirklich etwas ganz Tolles verdient, Süße.“ Cordula hatte mich noch nie so genannt! „Ich weiß gar nicht wie ich dir danken soll!“
Mir war sofort eine Idee durch den Kopf geschossen. Nur wusste ich nicht recht, ob ich sie Cordula gegenüber wirklich äußern sollte. Schließlich würde ich sie in ein Geheim­nis einweihen, von dem sonst niemand wusste. Andererseits hieß es doch, Frauen würden ihren Freundinnen immer alles anvertrauen? Ich gab mir einen Ruck
„Och, ich hätte da schon eine Idee.“ Zögernd hielt ich inne. Sollte ich Cordula wirklich einweihen? Was würde sie dann von mir halten?
„Wahrscheinlich nicht weniger als vorher. Ganz im Gegenteil“, entschied ich. Es war ja sonnenklar, dass Adonis keine Herzensliebe Cordulas war. Nicht einen Gedanken hatte sie in der Nacht an ihn und seine Schmerzen verschwendet, sie war nur besorgt um ihre eigene Reputation gewesen.
„Komm schon, Elvira. Keine falsche Bescheidenheit. Sag schon.“
„Wer weiß, was für mich dabei herausspringt?“, überlegte ich und sagte laut: „Cordula, wenn du das nächste Mal einen Mann von deiner Bettkante stößt, dann stell´ ihn mir doch vorher vor!“
„Was, dir?“ Cordula klang ehrlich verblüfft. „Du etwa auch?“
„Warum denn nicht?“ Glaubte Cordula tatsächlich, dass ich keinerlei Chancen hätte? Nur weil ich ein paar Pfunde mehr drauf hatte als sie? „Hast du etwas dagegen?“, setzte ich kiebig nach. Sofort begann ich mich zu ärgern überhaupt etwas gesagt zu haben.
„Natürlich habe ich nichts dagegen. Ist doch klasse! Du also auch!“ Cordula schien tatsächlich keinerlei Vorbehalte zu haben. „Ich frage mich nur, wie du es machst?“
„Wie bitte?“ Das ging mir nun aber doch eindeutig zu weit!
„Ich meine, wie du es so einbaust? Zeitlich und so.“
„Ach so. Am Wochenende habe ich nicht viel um die Ohren! Die Kinder besuchen dann ja immer Lothar.“
„Elvira!“, schrie Cordula übertrieben laut in den Hörer. „Elvira, das ist ja super! Du am Wochenende und ich in der Woche. Super! Wir kommen uns niemals in die Quere. Klar stell ich dich vor!“

 

Norbert


Nach fünf herrlichen Wochenenden hatte Norbert kundgetan, dass unserer Beziehung die solide Basis fehlen würde, um auch im Alltag zu bestehen. Ich gab ihm Recht. Genau das war doch die Würze unserer Vergnügen! Wozu sich den Spaß mit Alltagsproblemen verderben? Seit jenem Gespräch habe ich nichts mehr von Norbert gehört. Ich fand es schade, auf ihn verzichten zu müssen, schließlich verlor ich mit ihm einen kreativen Liebhaber. Jedoch versuchte ich nicht, ihn zu halten. Sobald Norbert die wenigen Sachen, die er für unser Wochenende mitgebracht hatte, gepackt hatte und aus meinem Leben ver­schwunden war, fletzte ich mich mit einem Buch in der Hand auf mein geliebtes Sofa.
Nachdem Lothar längst ausgezogen war, hatte ich eine Einladung zum ge­meinsamen 150ten Geburtstag von Anna und Siegfried bekommen. Ich ging ohne meine Kinder zur Feier. Norbert begleitete Susanne, die Nichte des Jubelpaares. Das Bemerkenswerte an Norbert war, dass er so völlig unscheinbar war. Zu kurz geraten, aber nicht kleinwüchsig. Wenig Haare, aber keine Glatze. Mollig, aber nicht dick. Wäre er nicht die ganze Feier über keinen Schritt von Susannes Seite gewichen, wäre er mir nicht aufgefallen. Welches Manko an Ausstrahlung Norbert auch hatte, es wurde dreifach vom Charisma seiner Freundin überstrahlt. Sie waren ein sehr ungleiches und darum um so auffälligeres Paar.
Mehrmals traf ich später zufällig auf die beiden. Immer war es Susanne, die meinen Namen quer durch den Supermarkt rief oder mir freundlich zuwinkte, ganz so als würden wir uns seit langem kennen. Norbert war der stille Partner an ihrer Seite. Als ich ihn das dritte Mal in Folge ohne Susanne sah, ging ich auf ihn zu und lud ihn zum Frühstück am darauffolgenden Sonnabendmorgen ein. Den Armen meines damaligen Zeitvertreibes überdrüssig geworden, waren die kommenden Wochenenden noch unverplant. Norbert begann sie auszufüllen. Er zeigte mir, mich nicht von dem äußeren Schein täuschen zu lassen.
Ich fand es süß, wie Norbert sich davor scheute, von Anna und Siegfried bei mir gese­hen zu werden. Ohne Ausnahme kam er immer durch den Garten zu mir, der für den drei Häuser weiter wohnenden Onkel und die Tante seiner Ex-Freundin nicht einsehbar war und klopfte dann um Einlass bittend an meine Terrassentür. Wahrscheinlich waren es auch die Nachbarn, die Norbert davon abhielten mit mir zu aushäusigen Unternehmun­gen aufzubrechen. Mir war es einerlei. Ich wusste, Norberts Qualitäten kamen unter meinem Dach am besten zur Geltung. Seine Nachfolger hatten ihre eigenen Reize, doch Norbert ist mir in besonderer Erinnerung geblieben.
Nachdem wir unsere Wochenenden nicht mehr zusammen verbrachten, sahen wir uns gelegentlich beim Einkaufen. Stumm nickten wir uns dann zu. Inzwi­schen habe ich Norbert seit langem nicht mehr getroffen. Von Anna und Siegfried hörte ich auch nichts über ihn. Warum sollten sie mir vom Ex ihrer Nichte erzählen? Von Norbert und mir wussten sie nichts.

 

Alfons

Plötzlich sah und hörte ich auch nichts mehr von Alfons. Anders als Norbert stellte er seine Besuche ein, ohne mir irgendeinen Fingerzeig für den Grund seines Ausbleibens zu geben. Ich war sehr überrascht. Überrascht und gekränkt! Unsere gemeinsamen Wochen­enden waren bis dahin perfekt gewesen. Davon bin ich auch heute noch überzeugt. Niemals appellierte Alfons an meine mütterlichen Instinkte oder sang ein Loblied auf meine Kochkünste. Ich wiederum habe es gelernt, meinen Haushalt selber in Stand zu halten. In besonders hartnäckigen Fällen lasse ich einen Handwerker kommen. Zu keiner Zeit bin ich schwach geworden und habe meine Liebhaber um eine helfende Hand gebeten. Unsere Wochenenden waren frei von Pflichten und Erwartungen dem anderen gegenüber. So wollte ich es und Alfons schien es zu akzeptieren. Wenn nicht, dann hätte ich ihn wie Norbert ohne Umschweife ziehen lassen.
Alfons lernte ich auf dem Bio-Bauernmarkt auf Gut „Nütschau“ kennen. Vollkornnu­deln liebe ich, Vollkornreis hasse ich, genauso wie Fleisch, das vor meinen Augen in der Pfanne schrumpft, dafür aber eine widerlich riechende Soße hinterlässt. Von meinem Ekel getrieben, bestärkt durch die Skandale um BSE, Schweinepest und Maul- und Klauenseuche kaufte ich seit geraumer Zeit nur noch Fleisch aus ökologisch einwand­freier und tiergerechter Haltung. Cordula und ich waren deshalb an einem Mittwoch­nachmittag auf das Land gefahren, um unseren Fleischvorrat aufzufüllen und uns nach frischem Gemüse umzuschauen. Eine Einkaufstour, zu der sogar unsere Kinder ohne zu murren mitkamen, konnten sie doch dort in der Scheune toben und die Tiere im Stall streicheln. Der Ökohof lag fast zwanzig Kilometer von Bargteheide entfernt, weit genug um sich nicht mit diesen „Kindereien“ vor ihren Klassenkameraden zu blamieren. An einer kleinen Holzbude wurden warme und kalte Getränke verkauft. Für unsere Kinder bildeten heiße Schokolade und Cola den krönenden Abschluss unseres Nachmittags.
Auf meiner Einkaufsliste stand „Äpfel“. Angewidert betrachtete ich eine Kiste „Cox Orange“. Schrumpelig und fleckig wurden sie zu einem astronomischen Preis feilgeboten. Anklagend zeigte ich mit dem Finger auf das Obst und sagte laut: „Guck dir die Äpfel bloß mal an, Cordula. Pestbeulen und Cellulitis! Ekelhaft! Bei Aldi krieg´ ich viel schönere für die Hälfte.“
Die Kundin neben mir schnaubte abfällig. Der pikiert dreinschauenden Verkäuferin beschwichtigend zulächelnd, hakte sich Cordula bei mir unter und bugsierte mich weiter zum nächsten Stand. Plötzlich blieb sie stehen und meinte überrascht: „Hey, wen haben wir denn da? Der Doktor persönlich kauft ein.“
Zwischen Sellerie und Steckrüben machte mich Cordula mit Alfons bekannt. Er war hochaufgeschossen, ich schätzte ihn auf einsneunzig. Seine langen Beine steckten in einer sandfarbenen Trekkinghose, dazu trug er ein rot-schwarzka­riertes Holzfällerhemd und darüber eine dunkle Thermoweste. Sein Outfit passte perfekt zu seinem athletischen Körper. Ich war mir sicher, er würde nicht wie viele andere Fünfzigjährige nur eine fadenscheinige Joggingrunde am Sonntag­morgen absolvieren. Alfons gefiel mir auf Anhieb!
So unkompliziert wie die Wochenenden, die wir beide bald darauf miteinander ver­brachten, waren die ersten Minuten mit ihm. Zu dritt schlenderten wir weiter über den Markt. Angeregt plauderten wir über Tierhaltung, Obstanbau und über Alfons Urlaub auf Kreta. Es war nicht zu übersehen, dass er seine Tage dort am Strand verbracht hatte. Seine Haut war gebräunt und ließ seine Augen noch blauer erscheinen.
Nachdem wir unsere Einkäufe erledigt hatten, trafen wir unsere Kinder an der Holz­bude wieder. Den fremden Mann in unserer Mitte nahmen sie ohne allzu großes Interesse wahr. Nach einem kurzen „Hallo“ erzählten sie uns begeistert von den zwei kleinen Kälbern, die sie im Stall entdeckt hatten. Alfons hörte interessiert zu, schwieg jedoch. Als wir ausgetrunken hatten, bezahlte er für uns alle, aber er half uns nicht, die Einkäufe in meinem Van zu verstauen. Sofort bekam er dafür von mir Pluspunkte angerechnet! Ich mag nicht gerne wie körperlich gehandicapt behandelt werden. Vor meinem inneren Auge tauchte jedoch prompt meine Schwester auf.
„Ungehobelt! Er hat noch nicht mal angeboten behilflich zu sein! Der würde einer Dame wohl auch keine Tür aufhalten!“
„Tanja“, wies ich sie in Gedanken in ihre Schranken, „wenn du allein bist, bekommst du die Türen doch auch selber geöffnet, oder? Er will uns nicht das Gefühl geben, behindert zu sein!“
Ich spürte förmlich wie meine Schwester verächtlich schnauben würde. „Na, wenn man gewohnt ist nicht beachtet zu werden, legt man es sich gern passend zurecht!“
Alfons habe ich ohne Ausnahme als einen freundlichen und gelassenen Menschen erlebt. Gab es auch dunkle und trübe Seiten in seinem Leben, dann hat er sie mich niemals lesen lassen. Seine Wochenendbesuche bei mir begannen in aller Regel mit einer Tasse Kaffee in meiner Küche. Vor der dritten Tasse landeten wir unweigerlich im Bett. Wir zogen uns an wie Magnete. Am Nach­mittag unternahmen wir oft lange Radtouren oder gingen in die Sauna. Bei beidem machte Alfons im wahrsten Sinne des Wortes eine gute Figur. Mein Ex-Göttergatte hatte bei seinem Auszug vergessen sein Fahrrad mitzu­nehmen. Vielleicht absichtlich, denn auf dem Mountainbike sah er mit seinem Bierbauch geradezu lächerlich aus, ganz im Gegensatz zu dem durchtrainierten Alfons. In der Sauna nahm ich die bewundernden Blicke der anderen Frauen wahr.
Habe ich so etwas wie Besitzerstolz entwickelt? Ich glaube nicht. Zwar flossen auch unsere Sonntage zwischen Bett und kleinen Unternehmungen wunderbar dahin, trotzdem war ich nicht unglücklich, wenn sich Alfons am Nachmittag verabschiedete. Gewöhnlich schnappte ich mir dann meinen Krimi, den ich am Sonnabendmorgen aus der Hand gelegt hatte, machte es mir auf dem Sofa gemütlich und freute mich auf die Rückkehr meiner drei Küken.
Anders als Norbert schlich sich Alfons nie wie ein Einbrecher zu mir durch den Gar­ten in das Haus. Für jedermann sichtbar stand er an jedem Sonnabend­morgen vor meiner Haustür. Allerdings beobachtete ich, dass er niemals sein Auto direkt vor meinem Haus parkte. Vielleicht wollte er mich vor dem Gerede der Nachbarschaft schützen, vielleicht wollte er selber nicht zu sehr mit mir in Verbindung gebracht werden. Ich habe ihn nie nach dem Grund gefragt.
Niemals habe ich auch erfahren, wer „Moni“ war. Auf seinem rechten Ober­arm war ein Herz mit Pfeil und Namen tätowiert. Die Farbe war ein wenig ausgeblichen. Alfons Zeit mit „Moni“ lag wohl viele Jahre zurück, vermutete ich. Als ich das Tattoo entdeckte, nannte ich ihn neckend „Seebär“. Alfons lachte nur, gab aber keine Erklärung ab. Mir war es Recht so. So wenig ich über meine Lover erfuhr, so wenig fühlte ich mich verpflichtet etwas über mich preis­zugeben. Ich trauere meinem Ex-Göttergatten nicht nach. Mich schaudert jedoch bei dem Gedanken, wie sehr ich ihm vertraut und vor allem was ich Lothar anvertraut hatte. Alfons schien meine Zurückhaltung nicht zu stören. Obwohl er an unseren Wochenenden meine persönlichen Dinge, die natürlich überall in meinem Haus verteilt waren, vor Augen hatte, stellte er mir niemals Fragen, die ich nicht beant­worten mochte.
Ich ließ mich mit den verschiedensten Männern ein. Kein einziges Mal traf ich mich jedoch mit ihnen zu einem Tete-a-Tete außerhalb meiner vier Wände. Auf keinen Fall wäre ich zu ihnen nach Hause gegangen. Kamen sie zu mir, fühlte ich mich sicher. Jetzt frage ich mich manchmal wie Alfons gelebt und gewohnt hatte. Ich kann nur raten, aber mit Gewissheit weiß ich nichts zu sagen. Unser Leben von Montag bis Freitag hatte für den anderen keine Bedeutung. Auch darüber, welche Beziehung er zu Cordula hatte und ob er sie traf, machte ich mir damals keine Gedanken. Nur unsere gemeinsamen Wochenenden zählten.
Hin und wieder schlug Alfons vor, am Samstagabend zu einem Jazzkonzert zu gehen. Bei einem dieser Anlässe trafen wir zufällig einen seiner Bekannten. Die Band machte gerade eine Pause, als ihn ein rothaariger Mittvierziger ansprach. Ohne zu zögern machte uns Alfons miteinander bekannt. Gemeinsam plauder­ten wir eine Weile. Als die Musik wieder begann, ging der Rothaarige zu seinen Freunden zurück. Seinen Namen habe ich inzwischen vergessen. Es war das einzige Mal, dass ich mit Alfons Leben außerhalb unserer Wochenenden in Berührung kam.
An einem verregneten Sonnabendvormittag wartete ich vergebens auf das bekannte Klingeln – zweimal kurz, einmal lang. Zu meiner Verwunderung über sein Fernbleiben gesellte sich klammheimlich auch leichter Ärger. Niemals mehr wollte ich mir von einem Mann mein Leben diktieren lassen. Nun hatte Alfons erreicht, dass ich nicht nur wartete, sondern mich auch gedemütigt fühlte! Gegen Mittag fuhr ich zur Buchhandlung und kaufte mir zwei Krimis. Den Rest des Wochenendes verbrachte ich lesend auf dem Sofa.
Am Sonntagmittag war mein Ärger soweit verraucht, dass ich bereit war Alfons zu verzeihen und ihm eine neue Chance einzuräumen. Vielleicht, ganz wahrscheinlich sogar, gab es einen triftigen Grund für sein Fernbleiben, redete ich mir ein. Alfons klingelte jedoch auch am nächsten Sonnabend nicht an meiner Haustür. Wenn man nichts erwar­tet, kann man nicht enttäuscht werden, sagte ich mir. Ich versuchte mir einzubilden, es spiele für mich überhaupt keine Rolle, ob er Cordula weiterhin besuchte oder nicht. Dennoch erwischte ich mich dabei, als ich am Montagabend meine Tochter Nathalie vom Sportunterricht abholen wollte und an Cordulas Haus vorbeifuhr, wie ich nach seinem Saab Ausschau hielt. Nie hatte er vor meinem Grundstück geparkt. Warum also bei Cordula? Doch nur, wenn er in ihr mehr als nur eine Bettgenossin sah! Ich konnte sein Auto jedoch nicht entdecken. Besänftigt fuhr ich weiter. Trotzdem war ich wütend, auf Alfons und auch auf mich. Etwas Neues musste her! Ich nahm mir vor, mich nach einem neuen Zeitvertreib umzusehen. Ob ich auch so reagiert hätte, wenn ich gewusst hätte, aus welchem Grund ich Alfons nie wiedersehen sollte?

 

Hans-Jürgen


Ungeübt legte ich Mascara und etwas Rouge auf. Gleichgültig betrachtete ich mein Spiegelbild. In der 505-Jeans von Levis und der braunen Lederbluse sah ich so unschein­bar aus wie immer, auch die Schminke konnte nicht darüber hinweg täuschen. Mir war es egal. Zu der Teeparty, zu der ich am Nachmittag eingeladen war, hatte ich sowieso keine Lust.
„Immer noch besser als wie ein Mauerblümchen zu Hause zu sitzen“, ver­suchte ich mich zu motivieren. „Selbst eine Schönheit wie Heidi Klum muss über ihre Türschwelle treten, um ihren Prinzen zu treffen.“
Alfons war bereits das dritte Wochenende in Folge nicht zu mir gekommen. Meine freien Tage wollte ich auf keinen Fall wieder nur lesend auf dem Sofa verbringen. Die Mutter von Nathalies Schulfreundin Klarissa hatte die Freunde ihrer Kinder und deren Eltern eingeladen.
„Damit sich die Erwachsenen auch einmal kennen lernen“, hatte Frau Weissenfels am Telefon gesagt.
Ich habe meine Kinder grundsätzlich nie zu Wildfremden nach Hause gehen lassen – als meine drei noch nicht über die Tischkante schauen konnten. Inzwischen durfte ich von Glück sprechen, wenn ich die Vornamen ihrer Freunde erfuhr. Die Einladung hatte ich ausschlagen wollen. Schließlich genoss ich meine kinderfreien Wochenenden – frei, sowohl von den eigenen, sosehr ich sie auch liebe, als auch von fremden Zöglingen. Mir schwante nur zu deutlich, was mir blühte: Ein Nachmittag mit unvermeidlichen Anekdoten über die lieben Nachkömmlinge, die unmöglichen Lehrer, die neuesten Allergievari­anten und, und, und.
„Am Wochenende bin ich allein. Die Kinder sind beim Vater. Tut mir leid!“ Meine Absage hätte ich besser in deutlichere Worte fassen sollen.
„Oh, ich verstehe, aber ach, meine Liebe, das macht doch nichts!“, entgegnete Frau Weissenfels. Ihr salbungsvoller Ton strafte sie Lügen. „Sie sind natürlich auch solo herzlich willkommen. Wir leben in einer aufgeklärten Welt, Frau Winniefried! Wir“, die Betonung lag auf wir, „haben jedenfalls keine Vorbehalte gegenüber geschiedenen Müttern.“
Mit einem gepressten „Danke schön“ legte ich auf. Wahrscheinlich waren vor mir schon türkische Mitbürger, Rollstuhlfahrer und andere Minderheiten in den Genuss dieses fadenscheinigen Liberalismus gekommen. Wer lud schon zu Teepartys ein? Dachte Frau Weissenfels, sie sei die Queen von Bargteheide?
Da ich keine Idee hatte, wohin ich sonst an jenem Sonnabendnachmittag gehen sollte, nahm ich zähneknirschend mit dieser Aussicht auf ein wenig Gesellschaft vorlieb. „Alfons, wärst du nur gekommen!“, seufzte ich.
In mein Selbstmitleid mischte sich auch Groll. Haben Sie schon einmal eine 505er zugeknöpft ohne sich wenigstens einen Fingernagel abzubrechen? Ärgerlich schnappte ich mir eine Feile. Zeit unserer Ehe hatte mein Ex-Götter­gatte behauptet, ich leide an einer Blasenschwäche. Lothar hatte geunkt, immerhin würde ich dadurch noch vor meinem fünfzigsten Geburtstag jede öffentliche Toilette Deutschlands kennen gelernt haben. Seit ich die 505er besitze, weiß ich, dass er Unrecht hatte. Ich kann mich stunden­lang zurückhal­ten. Wozu gibt es Jeans mit Knöpfen, statt eines praktischen Reißver­schlusses? Welcher normale Mensch schafft es, sich in angemessener Zeit solch einer Hose zu entledigen, wenn es ihn drängt? Ich nahm mir vor, auf den Tee vorsichtshal­ber zu verzichten. Bei meinem Glück wäre das Gäste-Klo wahrscheinlich ohnehin besetzt!
Ich hasse diese Hose! Ich habe sie nur aus Rache an meiner Tochter gekauft. Immer wieder hatte Nathalie gebettelt, ich solle ihr eine neue Hose kaufen. Eigentlich fand ich, dass das gar nicht nötig war. Schließlich hingen in ihrem Schrank fünf gute Stücke. Irgendwann konnte ich ihr Gejammer aber nicht mehr ertragen und außerdem hatte sie eine eins in einer Mathearbeit mit nach Hause gebracht.
Nachdem sich Nathalie von der Verkäuferin drei verschiedene Markenjeans hatte her­aussuchen lassen – keine unter 100,- EURO – wandte sie sich gönner­haft zu mir um: „Mama, du wolltest doch auch eine Jeans haben. Schau´, da auf dem Grabbeltisch liegen welche für 30,- EURO. Für dich sind die absolut okay!“
Die junge Verkäuferin, so spindeldürr wie Victoria Beckham, besaß die Unver­schämt­heit mich unverhohlen anzugrinsen! Mit den Augen Giftpfeile versprü­hend, verlangte ich nach einer 505er, Größe 32x30. Den Kommentar meiner Tochter: „Mach´ dich nicht lächerlich, Mama!“, überhörte ich geflissentlich. Wenn ich flach atme, passt die Hose und wegen ein paar Knöpfen gebe ich schon lange nicht klein bei!
Ohne meine Sprösslinge machte ich mich also auf den Weg zu Tee und Kuchen. Mei­nen Van parkte ich hinter einer Reihe von Kombis. Als ich mir mein Auto vor Jahren kaufte, rümpfte mein damals noch alleinstehender Kusin Frank die Nase. Ich ließ mich dadurch nicht von dem Kauf abhalten. Schließlich wollte ich die Kinderwagen und später die Fahrräder meiner Kinder bequem transportieren können. Inzwischen fährt Frank seinen Passat-Kombi wöchent­lich durch die Waschstraße. Seine kleine Tochter Tinka sitzt dabei begeistert im Fond des Autos.
Auf Einlass wartend, stand ich vor der Haustür von Familie Weissenfels. Mein Blick schweifte über deren Vorgarten. Rechts des Weges war eine Rabatte mit immergrünen Sträuchern angelegt, drei Meter weiter waren zwei Mülleimer dezent hinter einer Holz­wand versteckt. Zu meiner Linken lagen zwei Kinderrä­der, Rollschuhe und zwei Kick­bords. Prüfend beugte ich mich zu einem welken­den Rhododendron hinunter. Hier wohnte offenbar ein noch ahnungsloserer Gartenfachmann als ich. Jemand hatte den Busch mit Kalk gedüngt! Plötzlich verspürte ich einen stechenden Schmerz in der Achillessehne. Ächzend drehte ich mich um. Mich vorbehaltlos anlächelnd, hob ein blondgelockter Knirps sein Skateboard auf.
„Hi. Ich bin Jesse und der da heißt Hans-Jürgen.“ Mit einem klebrig ausschau­enden Finger zeigte er auf den Mann, der gerade durch die Gartenpforte kam. „Wo sind denn deine Kinder?“ Suchend schaute sich Jesse um. „Darfst du etwa auch ohne Kinder zu der Party kommen?“
Frau Weissenfels höchstpersönlich öffnete die Haustür und rettete mich vor weiteren unerwünschten Fragen. Überschwänglich begrüßte uns die Hausherrin. Während wir uns im Flur unsere Jacken auszogen, erkundigte sich Hans-Jürgen besorgt nach meinem Fuß. Ich schüttelte nur den Kopf.
„Seit wir uns getrennt haben, ist Jesse wie ausgewechselt. Vorher war er nie so grob.“ Mit väterlich-traurigem Dackelblick schaute mich Hans-Jürgen verständ­niserheischend an. Ich segelte kommentarlos in Richtung Wohnzimmer ab. Auf die Litanei eines be­sorgten Vaters konnte ich gut verzichten.
„Trotzdem, sieht nicht schlecht aus der Typ“, sinnierte ich an der Zimmer­wand leh­nend – mich hinzusetzen wollte ich nicht wagen, entweder würde ich die verdammten Knöpfe sprengen oder Durchblutungsstörungen erleiden.
An die zwanzig Gäste hielten sich in dem geräumigen Wohnbereich auf. Ein paar Ge­sichter erkannte ich wieder. Mit Hella, der Elternsprecherin von Nathalies Klasse, hatte ich schon ein paar Worte gewechselt. Sie war auch ohne männliche Begleitung gekom­men. Als Single war ich in dieser Runde nicht so ein exotisches Exemplar wie ich ange­nommen hatte. Unsere Gastgeberin gesellte sich zu mir und berichtete von den Musik­stunden ihrer Kinder. Mit Erstaunen vernahm ich:
„Sie sind so viel ausgeglichener, wenn sie ihre Übungen machen. Klarissa und Rosanna freuen sich so sehr auf ihren Nachmittag an der Musikschule.“
Steckte da nicht eher eine ehrgeizige Mutter dahinter? Meine Kinder würden eine Blockflöte oder ein Klavier jedenfalls nicht freiwillig anfassen, geschweige denn sich auf den Unterricht und die Übungen freuen! Schweigend lehnte ich weiter an der Wand. Dem Redefluss von la Weissenfels tat es keinen Abbruch. Nach einer Weile kam Hans-Jürgen zu uns. Nachdem das Gezwitscher der Dame des Hauses endlich verstummte, erzählte er von der Besuchsregelung, die er mit Jesses Mutter vereinbart hatte. Mit wachsendem Interesse hörte ich ihm zu. Die Hälfte der Schulferien war der Sohn bei seinem Vater sowie jeden Freitag nach Schulschluss bis Sonnabend um 18.00 Uhr.
Am darauffolgenden Sonnabend stand Hans-Jürgen um 18.45 Uhr vor meiner Haus­tür. Er hatte mir wirklich und wahrhaftig einen Blumenstrauß mitgebracht! Lothar hatte bei unserer ersten Verabredung noch nicht einmal meine Kinokarte bezahlt. Rosafarbene Moosröschen mit Schleierkraut hielt ich in der Hand. Nicht sehr phantasievoll, aber auch nicht ganz so schlimm wie ein Bund Nelken, über das sich meine Großmutter sehr gefreut hätte. Wahrscheinlich war Hans-Jürgen in jungen Jahren zur Tanzschule gegan­gen, hatte Walzer und Benimmregeln von einer älteren Dame eingetrichtert bekommen, überlegte ich. Oder war der Blumenstrauß mehr als nur eine höfliche Geste? Grübelnd stand ich in meiner Küche und kürzte die Stiele. Welche Absichten hatte Hans-Jürgen? Erst ein paar Blümchen und dann, was dann?
Wann hatte mir ein Mann das letzte Mal einen Blumenstrauß überreicht? Ich meine, freiwillig? Mein früherer Traummann hatte mir allenfalls ein abgepacktes Bund mit hängenden Köpfen aus dem Supermarkt mitgebracht, eine halbe Stunde vor Geschäfts­schluss für die Hälfte! Damals hatte ich ihm den guten Willen zu Gute gehalten.
Ich ließ Wasser in eine Glasvase laufen und stellte die Moosrösschen hinein. „Der Mann ist noch keine Viertelstunde bei dir und du zerbrichst dir schon den Kopf über ihn!“, schalt ich mich. Energisch nahm ich die Vase mit den Rosen auf und ging zu Hans-Jürgen in mein Wohnzimmer. Er hatte es sich bereits auf dem Sofa bequem gemacht. Wie selbstverständlich lagen seine Füße auf dem Stubentisch vor ihm! Meinen Kindern lasse ich solch ein Benehmen nicht durchgehen!
Mein erstes Wochenende mit Hans-Jürgen verlief alles in allem Recht zufrie­denstel­lend. Mir gefiel es, durch seine blonden Locken zu streichen. Sie fühlten sich so unbe­schreiblich seidig an. Fast wie bei einem Kleinkind! Ganz anders waren sie als Alfons kurzes, dunkles Haar. Eigentlich wollte ich meine Wochen­endvergnügen nicht miteinan­der vergleichen, tat es aber dennoch immer wieder. In zehn Jahren würde Alfons mit Sicherheit immer noch sportlich-attraktiv sein, während bei Hans-Jürgen ein Bäuchlein kaum zu verbergen wäre. Zehn Jahre waren jedoch keine Zeitspanne über die ich meine Lover einplanen wollte. Am nächsten Wochenende würde Hans-Jürgen wohl noch ebenso knackig sein, entschied ich und lud ihn wieder ein.
Hans-Jürgen kam mit einer halbstündigen Verspätung. Ich lag lesend auf meinem Sofa, als er endlich geruhte zu klingeln. Ohne Eile las ich die Seite zu Ende, bevor ich aufstand, um ihm zu öffnen.
„Elvira, entschuldige bitte!“ Hans-Jürgen reichte mir eine Schachtel Pralinen. „Es gab einen dringenden Klärungsbedarf mit Jesses Mutter. Miranda will einfach nicht einsehen, dass ...“
Desinteressiert wandte ich mich zur Seite und beäugte skeptisch die große Reisetasche in seiner Hand. Bis Sonntagmittag blieb die Tasche unkommentiert in meinem Flur stehen. Verschlafen stand ich in der Küche und füllte Wasser in die Kaffeemaschine. Frisch geduscht kam Hans-Jürgen die Treppe herunter und blieb im Flur stehen. Durch die offene Küchentür konnte ich sehen wie er seine Reisetasche fixierte. Langsam drehte er sich zu mir um und zeigte traurig auf sie. Ich ahnte bereits, was nun folgen würde.
„Letzte Woche hatte ich soviel zu tun, Elvira! Es macht dir doch nichts aus, wenn du ...“ Erschrocken brach er ab, als ich mit einem lauten Knall die Kanne auf den Tisch stellte. Ein Adrenalinstoß durchfuhr meine Glieder. Unrat witternd, wich Hans-Jürgen weiter in den Flur zurück. Ich schoss an ihm vorbei, schnappte mir seine Reisetasche und raste damit zur Haustür, riss sie auf und warf die Tasche hinaus.
„Raus!“
Mit einem Satz sprang ich auf Hans-Jürgen zu, packte ihn am Ärmel und zog ihn ent­schlossen zum Eingang. Überrumpelt ließ er sich widerstandslos wie eine Gummipuppe von mir in den Vorgarten bugsieren. Wütend knallte ich die Tür hinter ihm zu. Zeter und Mordio schreiend, ging ich zurück in die Küche.
Plötzlich hörte ich wie die Briefkastenklappe bewegt wurde. „Elvira! Bitte! Es tut mir leid!“, säuselte es durch den Briefkastenschlitz. „Es ist doch nur eine Trommel voll!“
Wie eine Furie raste ich zurück in den Flur und trat mit dem Fuß gegen die Klappe. Schadenfroh merkte ich, wie ich seine Finger einklemmte. Mein Fuß schwebte jedoch zu lange in der Luft, ich verlor das Gleichgewicht und landete unsanft auf meinem Aller­wertesten. Einen Schmerzensschrei unterdrückend – den Triumph wollte ich dem Macho nicht gönnen – rappelte ich mich auf. Mein Blick fiel auf seine Schuhe und seine Jacke. Ich griff nach seinen Habseligkeiten, öffnete die Haustür blitzartig und schleuderte sie Hans-Jürgen entgegen.
„Hier, du Pascha! Und nun ab zu Mama!“
Mit Häme beobachtete ich vom Küchenfenster aus wie Hans-Jürgen seine Jacke aus einer Pfütze fischte und mit hochrotem Kopf aus meinem Leben trottete.

 

Wo denkst du hin?


„Hast du eine Freundin, Elvira?“, fragte meine Mutter, sobald ich den Hörer abge­nommen hatte.
„Eine Freundin?“
„Na, du weißt schon, eine Frau mit der man etwas unternimmt und auch plaudert.“
„Natürlich weiß ich, was eine Freundin ist! Ich wundere mich aber, warum du fragst?“
„Ach, ich hab nur so überlegt. Du bist sooft umgezogen und nun hast du auch keinen Mann mehr. Da habe ich mich gefragt, ob du jemanden in der Nähe hast, mit dem du dich besprechen kannst?“
„Wieso besprechen, Mutti? Ich muss mich nirgendwo ausheulen! Ich komme gut, ausgesprochen gut, allein klar.“
„Ja, Schätzchen, ich weiß, ich weiß“, wiegelte meine Mutter ab. Für meinen Ge­schmack lag allerdings zu wenig Überzeugung in ihrer Stimme. „Also, eine Freundin hast du nicht?“
„Selbstverständlich habe ich eine Freundin“, antwortete ich mit Nachdruck und setzte spitz nach: „Hier in Bargteheide gibt es tatsächlich Menschen, die sich auch mit Geschie­denen abgeben!“
„Schätzchen, Schätzchen, sachte. Sag´, ist es eine gute Freundin?“
„Mutti, was willst du eigentlich? Hast du überhaupt eine gute Freundin?“
„Rosemarie ist meine beste Freundin“, kam es wie aus der Pistole geschossen.
„Tante Rosemarie?“, rief ich überrascht in den Hörer. Wurde meine Mutter langsam senil? „Tante Rosemarie ist bestimmt schon zehn, fünfzehn Jahre tot!“
„Einundzwanzig Jahre“, klärte mich meine Mutter auf.
„Wie kann sie da deine beste Freundin sein, Mutti?“
„Liebes, ich bin vielleicht eine verwaiste Freundin, aber immerhin eine Freun­din. Vor­gestern war ich an Rosemaries Grab.“
„Hast du mit ihr geredet?“
„Wie bitte, mit wem soll ich geredet haben?“
„Mit Tante Rosemarie“, erklärte ich geduldig.
„Elvira“, erwiderte meine Mutter entrüstet. „Rosemarie ist doch tot! Wie kann ich da mit ihr reden?“
„Ich frag´ doch nur, man hört so allerhand.“
„Ich bitte dich, Elvira, denkst du etwa ich bin senil?“, fragte meine Mutter scharf. „Mit einer Toten reden, also wirklich, noch dazu an ihrem Grab! Was sollen die Leute den­ken?“
„Mutti, mit wem in deiner Nähe besprichst du dich denn so?“
„Mit Leni!“
„Leni? Meinst du etwa Leni Obertraut?“, rief ich entgeistert. „Ich wusste gar nicht, dass sie jetzt deine beste Freundin ist!“
„Ist sie auch nicht, sie ist nur eine gute Bekannte!“
„Du besprichst dich mit einer Bekannten? Worüber redet ihr so?“
„Was uns gerade so einfällt. Über Tanja, über dich ...“
„Über mich?“, unterbrach ich sie empört. „Was gehen Leni Oberhaupt meine Angele­genheiten an?“
„Ach, Elvira, was weiß ich denn schon? Über die Kinder reden wir auch und über Männer.“
„Über Männer?“, meine Stimme überschlug sich vor Überraschung.
„Elvira, mein Ohr! Kreisch doch nicht so!“
„Mutter, du sprichst mit einer Bekannten über Männer? Ich fass es einfach nicht! Ihr seid beide über siebzig!“
„Dreißig, sechzig, achtzig Jahre, Elvira, wo denkst du hin? Mit dem Alter legt man doch nicht seine Weiblichkeit ab!“

 

Tanja


Weshalb ich Norbert und Hans-Jürgen nicht wiedergesehen habe, lag auf der Hand. Alfons Fernbleiben blieb jedoch lange Zeit ein Rätsel für mich. Ich verbat mir aber zunächst erfolgreich, mir meine schöne freie Zeit mit allzu viel Grübeleien über einen entschwundenen Mann zu verderben. Plötzlich wurde die Erinnerung an ihn jedoch unbarmherzig geweckt! Wie bereits zuvor Alfons, verschwand Michael ebenfalls sang- und klanglos von der Bildfläche. An unserem letzten gemeinsamen Wochenende war noch alles in Ordnung gewesen, so schien es mir jedenfalls. Am darauffolgenden Samstag tauchte Michael nicht mehr auf, genauso wie Alfons ohne irgendeinen Hinweis. Waren die Männer so feige, mir nicht einmal Lebewohl zu sagen? Oder war ich so sehr auf mich selbst fixiert, dass ich die Zeichen, die sie mir gegeben hatten, übersah? Hatte meine Schwester Tanja Recht, war ich zu einer Egozentrikerin geworden? Zu meinem Leidwe­sen ertappte ich mich immer häufiger bei solchen Überlegungen. In den Ferien hatte ich gemeinsam mit den Kindern ein paar Tage bei meiner Mutter in Wildemann verbracht. Ganz gegen ihre Art, hatte mich meine dort in der Nachbar­schaft lebende Schwester zu einem Abendessen in einem feinen Lokal eingeladen.
„Nur wir zwei, Elvira, dann können wir uns mal so richtig unterhalten. Mutti wird nichts dagegen haben, einen Abend mit deinen Kids zu verbringen!“
Natürlich war unsere Mutter einverstanden, hocherfreut darüber, dass sich ihre beiden ungleichen Töchter für eine gemeinsame Unternehmung zusammen gefunden hatten. Nach einem leckeren Carpaccio kämpfte ich mit Messer und Gabel mit einer halben Wildente. Bin ich zu Hause, esse ich Geflügel mit den Fingern, im Restaurant ist mir das peinlich.
„Gehst du manchmal aus, Elvira?“
„Manchmal, aber nicht zu häufig.“
Meine Schwester sah mich mitleidig an und meinte: „Willst du nicht wieder anfangen zu arbeiten? Wenigstens für ein paar Stunden in der Woche.“
„Während meiner Ehe habe ich auch nicht gearbeitet, Lothar wollte es nicht. Jetzt will ich nicht, dann müsste Lothar weniger zahlen!“
Tanjas Blick gefiel mir nicht.
„Warum sollte ich überhaupt?“, fragte ich spitz.
„Du würdest auf andere Gedanken kommen, neue Leute kennen lernen, Elvira!“
„Wie kommst du darauf, dass ich auf andere Gedanken kommen muss, Tanja?“
„Du bist doch immerzu nur mit den Kindern zusammen. Und an den Wo­chenenden bist du sogar ganz allein. Wird dir dein Leben nicht zu langweilig?“
„Langweilig?“, fragte ich irritiert. Meine Schwester hatte, wie sollte es auch anders sein, eine völlig verquere Vorstellung von meinem Leben. „Du hast keine Ahnung, Tanja. An den Wochenenden bin ich alles andere als allein.“
Tanja strahlte mich an: „Elvira! Warum hast du denn nichts gesagt?“ Immer noch strahlend, legte sie ihr Besteck zur Seite und griff theatralisch nach meinen Händen. „Du hast also den Richtigen gefunden! Toll!“
Das war doch wirklich die Höhe! Wenn man den Makel einer Geschiedenen trug, brauchte man nur einen neuen Aspiranten vorzuweisen und schon war für die eigene Schwester wieder alles in bester Ordnung. Unwirsch befreite ich meine Hände.
„Was heißt den Richtigen gefunden, Tanja? Die Richtigen wäre wohl passen­der!“, sagte ich gerade heraus.
„Wie bitte?“ Verständnislos schaute mich meine kleine Schwester an. „Was meinst du?“
„Die Richtigen, meine Liebe. Plural!“
Abrupt erstarb Tanjas Lächeln.
„Was ich meine, Tanja, sind Männer, keine Versorger und zu Versorgende!“ Zwei Gläser Wein hatten meine Zunge gelöst. Genüsslich begann ich Tanja von meinen Wochenendvergnügen zu erzählen. „Lover, du verstehst? Pures Vergnügen. Wenn es verebbt, dann kommt der Nächste.“
Mit wachsender Empörung hörte mir meine Schwester zu. Was hatte ich anderes von ihr erwartet? Ich erinnere mich noch gut daran, dass sie als kleines Mädchen niemals Ken und Barbie in einem Puppenbett gemeinsam schlafen ließ.
„Aber immer nur einer zur Zeit!“ Ich fand, ich hörte mich verdammt verwe­gen an! Tanja stieg die Schamesröte in ihr sonst so vornehm-blasses Gesicht. „Einfach nur Spaß haben. Ein absolut tolles Gefühl, Tanja! Du kennst das wohl nicht? Wie solltest du auch?“
Tanja standen Schweißperlen auf der Stirn. Mit zitternder Hand nahm sie ihre Serviette und tupfte sie fort. Vorsichtig drehte sie sich ein wenig zur Seite und schaute besorgt zu dem Nachbartisch. Wie peinlich, wenn jemand ihre Schwester so reden hören würde!
„Weißt du, ich such mir die unterschiedlichsten Exemplare aus. Dabei lernt man vieles kennen. Auf die Dauer wäre es mir mit ein und demselben arg langweilig.“ Aus dem Nähkästchen zu plaudern und Tanja dabei in die Augen zu schauen, war der pure Ge­nuss! „Ach, wem sage ich es! Tanja, du verstehst schon, was ich meine, nicht wahr?“ Ich konnte mir einfach nicht verkneifen mit spitzer Zunge nachzusetzen: „Mit Arnold bist du jetzt vierzehn Jahre zusammen, oder?“
Nachdem sie ihren ersten Schock überwunden hatte, kehrte meine Schwester die Psy­chologin heraus.
„Elvira, das kannst du doch nicht wirklich meinen!“
Für meine Schwester hatte ich meine Erfahrungen ein wenig ausgeschmückt, aber das brauchte ich ihr nicht auf die Nase binden. „Kein Fünkchen davon ist erdichtet, meine Liebe!“
Tanja schüttelte mit dem Kopf. „Weißt du, dein Problem ist Lothar. Er ...“
„Lothar?“, unterbrach ich sie genervt. Was hatte mein Ex-Göttergatte mit meinen Lovern zu tun? Auf so eine abstruse Verbindung konnte doch nur meine Schwester kommen!
„Lass´ mich bitte aussprechen, Elvira! Lothar hat dich sitzen lassen. Knall auf Fall hat er dich und die Kinder wegen dieser Frau ... wie heißt sie noch?“
„Kirsten.“
„Wegen dieser Frau Schopfenbaum sitzen lassen.“
„Schoffenbach-Winniefried. Was hat Kirsten mit meinem Leben zu tun?“
„Sehr viel, Elvira. Sie ist jung, attraktiv und intelligent. Alles was du gerne sein möch­test“, erdreistete sich meine Schwester zu behaupten!
„Vielen Dank, Tanja. Nur weiter so.“
Tanja ignorierte meinen schnippischen Ton und plapperte tolldreist weiter. „Ach, El­vira. Sei doch einfach mal ehrlich, wenigstens zu dir selbst! Wegen ihr hat dich Lothar zutiefst verletzt. Du hast dich als Mutter und Ehefrau bei Lothar so sicher gefühlt! Und dann kommt auf einmal diese Frau, der du nicht im geringsten das Wasser reichen kannst und ohne sich auch nur einmal umzudre­hen, ist Lothar zu ihr gelaufen. Alles was du ihm geboten hast, zählte nicht mehr für ihn!“
Triumphierend schaute mich Tanja an.
„Toller Vortrag. Ich wusste gar nicht, dass du ein Kirsten-Fan bist! Und, was soll das nun?“
Was war ich für ein Esel. Tanjas Meinung interessierte mich doch gar nicht. Zu spät biss ich mir auf die Zunge.
„Bindungsängste!“ Typisch Tanja, bevor ich sie abgeholt hatte, hatte sie wahrscheinlich ihre gepuderte Nase in eine ihrer lächerlichen Frauenzeitschriften gesteckt. „Aufgrund deiner Erfahrung mit Lothar hast du nun Bindungsängste.“
„Du sagtest es bereits, aber ich kann dich beruhigend. Ich binde mich jedes Wochen­ende aufs Neue. Ganz nebenbei, es sind Erfahrungen, die du niemals machen wirst, Tanja! Obwohl“, setzte ich provokant nach, „sie dir gut tun würden!“
„Es sind Erfahrungen, die ich nicht machen will und auch nicht nötig habe! In deinen Flirts suchst du nur Selbstbestätigung. Hinter dir waren die Männer noch nie her, Elvira, das musst du zugeben. Jetzt, wo du dich wie ein Flittchen jedem dahergelaufenem Kerl hingibst, fühlst du dich auf einmal begehrt! Arme Seele!“
Ich war drauf und dran meine Schwester mit der Gabel aufzuspießen. Unbeirrt machte sie mit ihrem Gewäsch weiter.
„Aber was du tust ist falsch, Elvira! Du hast wie eh und je Angst deine Emoti­onen zu zeigen. Du willst nicht, dass dich nocheinmal jemand so sehr verletzt wie Lothar!“
„Nun mach´ aber mal halblang! Sehe ich etwa wie ein gebrochenes Weibsstück aus? Ich denke vielmehr, du bist nur neidisch, Tanja!“
„Auf dich, Elvira?“ Meine kleine Schwester grinste mich unverhohlen an. Verärgert griff ich nach der Karte und suchte mir den teuersten Nachtisch aus, dazu bestellte ich mir Cappuccino zusammen mit einem edlen Grappa. Wenn sie die Frechheit besaß, meine Ohren mit diesem Schund zu beleidigen, dann sollte mein liebes Schwesterchen wenigstens eine ordentliche Rechnung begleichen müssen!
„Ich will es mal so sagen, Elvira, dein Verhalten ist vielleicht verständlich, aber trotz­dem reichlich unnatürlich. Außerdem, hast du eigentlich mal überlegt, was du den Männern mit deiner Gefühlskälte antust? Ich finde, du benimmt dich geradezu verant­wortungslos und egoistisch!“
Das Blut in meinen Adern fing an zu kochen! Mit zitternden Fingern goss ich mein Glas randvoll mit Mineralwasser.
„Und weißt du, was ich finde? Du bist nichts weiter als eine stocksteife, verhärmte Landpomeranze!!“
Abrupt stand ich auf und beugte mich über den Tisch. Tanja wich erschrocken zurück, aber nicht weit genug. Genüsslich leerte ich mein Wasserglas über ihrem Kopf aus! Tanja fing an, aus voller Kehle zu kreischen. Diesmal schien es ihr nichts auszumachen, dass sich alle Gäste nach uns umdrehten. Ich nahm meine Autoschlüssel, die ich achtlos auf den Tisch gelegt hatte und verließ mit hocherhobenem Kopf das Lokal. Sollten mir die Leute doch hinterher stieren! Auf all diese scheinheiligen Biedermänner und Stockfische konnte ich pfeifen!
Was wusste meine kleine Schwester schon? Wann in ihrem Leben hatte sie einmal über den eigenen Tellerrand hinweg geschaut? Selbst ein Pauschalurlaub auf Mallorca war für sie ein echtes Abenteuer. Kein Wunder also, dass sie eine solch beschränkte Sicht auf die Dinge hatte! Ich nahm mir vor, keinen Pfifferling für Tanjas Meinung zu geben. Trotz­dem konnte ich unser Gespräch bei jenem Abendessen nicht vergessen. Seit er nicht mehr kam, dachte ich abwechselnd an Michael und an Tanjas Vortrag.
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Kriminalroman, ISBN 978-3-938237-04-5
Paperback, 208 Seiten, 12.90 €
pirat-verlag, 2010