16. Januar 2013

Das Leben ist endlich

„Hannelore Asbach ist tot!“
„Wer?“
„Hannelore Asbach ist tot. Die Mutter von Asbach uralt.“
„Wer ist da?“, schrie ich in den Hörer.
„Die Frau, die für dich ihre besten Jahre geopfert hat! Deine Mutter!“, schallte es ein­geschnappt zurück. „Du erinnerst dich vielleicht vage an mich?“
„Mutti! Die Waschmaschine läuft, die Spülmaschine ist an und ich sauge.“ Mit dem Fuß stellte ich den Staubsauger aus. „Ich habe kaum etwas verstanden. Was hast du gesagt?“
„Die Mutter von Asbach uralt ist tot, du weißt schon, von deiner Klassenka­meradin Ursula“, klärte mich meine Mutter auf. „Als ich es hörte, bin ich fix zum Gemeindezent­rum und habe mich für Nordic Walking angemeldet, für Fortge­schrittene. Gerade noch rechtzeitig, ich habe den allerletzten Platz ergattert!“
„Nordic Walking?“
„Gott, Elvira. Kennt ihr da oben denn gar nichts? Gehen mit Stöckern“, erklärte mir meine Mutter mit einem abfälligen Seufzer. „Ich habe es als eine der Ersten erfahren. Hannelore hatten sie noch gar nicht aus dem Haus getragen. Sofort bin ich losgerast! Leni war eine Stunde später dort, da war alles ausge­bucht!“
Seit Jahren wusste ich, dass es ihn nicht gab, trotzdem fiel ich immer wieder darauf herein und versuchte den roten Faden in dem Geplappere meiner Mutter zu finden. „Du hast ihren Platz übernommen, habe ich das richtig verstanden? Frau Asbach hat Nordic Walking gemacht?“ Am besten war es, sich zuerst die Fakten bestätigen zu lassen.
„Frau Asbach?“, rief meine Mutter verblüfft in den Hörer. „Wie kommst du denn darauf? Hannelore hat doch nur auf dem Sofa rumgelegen und auf die Leichenstarre gewartet!“
„Mutti!“
„Ich spreche in Bildern! Hannelore hat nichts getan außer auf ihre Kinder zu warten. Wenn sie dann zu Besuch bei ihr waren, hat sie rumgenörgelt, sie würden nie kommen. Wer hat dazu schon Lust? Ich jedenfalls nicht!“
„Mutti, du kanntest Frau Asbach nur vom Sehen!“
„Das ist eine Tatsache! Was ich damit andeuten wollte, ist, dass ich die Kinder verste­hen kann. Sie haben bei Hannelore Asbach nur noch das Standardpaket absolviert!“
„Das Standardpaket?“
„Zum Geburtstag und zu Weihnachten die ganze Familie, Ostern entweder Ursula oder ihr Bruder mit Anhang, zum Muttertag und zum Valentinstag ein Blumenstrauß. Das war’s!“
„Aha.“
„Aha? Aha? Mehr fällt dir nicht ein, Elvira?“
„Mutti, du sprichst ohne Luft zu holen zusammenhanglos über tote Mütter, Leichen­starre, Nordic Walking und Besuchsregelungen. Kein vernünftiger Mensch kann darauf eingehen.“
„Elvira, wenn ich dich störe, sag es nur. Ich muss nicht mit dir telefonieren!“ Selbst, wenn ich es ihr schriftlich bestätigen würde, würde meine Mutter mich weiterhin terrori­sieren. Sie ist süchtig nach Telefonaten. „Ich wollte nur ein Lebenszeichen von mir geben, mehr nicht. Als ich an Asbachs Haus vorbeige­walkt bin und den Leichenwagen gesehen habe, habe ich mich wieder daran erinnert wie begrenzt das Leben ist. Deshalb war ich so froh, jetzt schon einen Platz bekommen zu haben, ich bin nämlich noch nicht perfekt. Wer weiß, ob ich den nächsten Kurs überhaupt erlebt hätte.“
„Mutti, glaubst du an Wiedergeburt?“
„Ja, natürlich!“
„Der ganze Aufwand lohnt sich nicht, wenn du als Schlange wiedergeboren wirst!“
„Elvira!“, zischte meine Mutter. „Übrigens, wenn du dich das nächste Mal auf dein Sofa legst, denk an meine Worte und an Hannelore Asbach. Das Leben ist endlich, Elvira, endlich!“