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18. November 2018

#4 Textschnipsel aus "5 Damen spielen falsch"


 „Mareike, welcher Tag ist heute?“
 „Heute in einem Jahr minus zwölf Monate, Lola Victoria.“
So ungewöhnlich wie die Datumsangaben in Mareikes Tagebuch sind auch ihre Bezeichnungen für ihren Heimatort Middeldorf. Nichts wünscht sich die Teenagerin – deren Mutter zu dem Romméclub der 5 Damen gehört - mehr, als den verschlafenen Ort hinter sich zu lassen. Seit einem Überfall ist die Beute von 2 Millionen Euro verschwunden, die Kriminalrate schießt in die Höhe und Middeldorf steht Kopf.
„Trotzdem, Lola Victoria, Middelfluch bleibt Middelfluch!”
„Nur Geduld, Mareike, vielleicht kann ich deinen Traum erfüllen.“

 In diesem #Textschnipsel aus „5 Damen spielen falsch“ lest Ihr einen Auszug aus Mareikes Tagebuch:
(…)

Gangstercity, viele lange Tage nach Mareikes Geburt
Mama hat gefragt, ob irgendwas sei. Sonst würde ich doch immer irgendwohin kutschiert werden wollen. Soweit ist das jetzt schon, dass sie mich fragt und nicht umgekehrt!!!!! Habe mich aber nicht weichklopfen lassen und mich mit der Hausarbeit über diese dämliche Kontinentalverschiebung rausgeredet.
Habe keine Zeit für was anderes und kann gar nicht mehr aufhören damit. Es ist wie ein Puzzle. Bianca Mails zusammen mit meinem Tagebuch sind voll der Knaller! Mama, Bianca und die anderen Schachteln, tata, mir wird so einiges klar. Ist ja ein echt dickes Ding!
Kurz mit Swantje telefoniert, sie will gleich bei mir vorbeischauen. (...)

„5 Damen spielen falsch“ E-Book, Print 
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13. September 2018

Leseprobe aus "5 Damen spielen falsch"

 (…)
Auszug aus dem Tagebuch von Mareike Molder:

Middelofnichts, heute in einem Jahr minus zwölf Monate

Mama hat mich auf dem Weg zu Lisas Musikschule bei Swantje abgesetzt. Sind zusammen durchs Dorf gezogen. Maja und Miriam, die beiden Äms, haben auf dem Marktplatz rumgelungert und sich Schaufenster angeschaut. Als wenn es da was zu sehen gibt! Vielleicht hat eine ihrer Omas bald Geburtstag. Swantje hatte Ziggis mit. Haben uns auf die Bank gesetzt und gepafft. Die beiden Äms  fahren am  Wochenende zu Julia nach Hamburg. Mich hat die olle Kröte nicht eingeladen. Hätte eh kein Geld für die Fahrt gehabt. Trotzdem schade.
Swantje darf im Sommer mit auf die Oberstufenfahrt nach Spanien. Muss zu Hause bleiben und in die Penne gehen. Kein Geld. Als Mama es mir sagte, hatte sie Tränen in den Augen. Ich auch!
*
Von Norden kommend fegten Böen über die Ostsee. Regentropfen prasselten laut gegen das Panoramafenster von Biancas Wohnzimmer. Ihre Zweizimmerwohnung war eine von acht und lag im obersten Stockwerk eines Terrassenhauses direkt an der Ostsee. In der Dunkelheit waren in der Ferne die Lichter von drei Frachtern, die Kurs auf die Kieler Förde nahmen, zu sehen.
»Vierhunderttausend Euro, wow!« Dagmar beugte sich vor, um sich eine Zigarette an der Kerze anzuzünden. »Damit könnte man schon eine Menge anfangen.«
Sie blies den Rauch in kleinen Kringeln aus. Ihr Blick schweifte versonnen durch das Zimmer und verweilte bei einer Fotografie. Zwei Katzen lagen verschlafen in einem geöffneten Fenster. Davor saß auf einer Gartenbank eine alte, runzelige Griechin, ganz in schwarz gekleidet. Das Foto hatte ihre Freundin während ihres Urlaubs auf Kreta aufgenommen.
»Im Grunde sind vierhunderttausend im Vergleich zum Risiko viel zu wenig.« Bianca streckte ihre langen Beine auf ihrem Sofa aus.
»Hm?«
»Vierhunderttausend sind für das, was man dabei riskiert, zu … hey, Katzenmensch, du hörst mir gar nicht zu!«
Dagmars Blick blieb am Spiegel mit dem Goldrahmen hängen. Sie liebte die gemütlich eingerichtete Wohnung. Verschiedene alte Möbelstücke waren kunterbunt zusammengemischt. Wann immer es ging, schaute Bianca bei Antiquitätenläden rein und stöberte über Flohmärkte. Von ihren Urlaubsreisen brachte sie gerne Andenken wie diesen Spiegel aus Florenz mit.
Dagmar seufzte sehnsüchtig. Bei ihr gab es höchstens Sticker von irgendeinem Freizeitpark, sofern sie sie gratis zur Eintrittskarte bekam. Sie hatte die Gewohnheit, sie an die Kühlschranktür zu kleben. Mehr als einen Tagesausflug mit den Kindern dann und wann ließ ihre Familienkasse nicht zu.
»Erde an Träummine! Sofort zurückkommen, deine Meinung ist gefragt.«
Dagmar fuhr erschrocken zusammen. »Welche Meinung?«
»Wie viel müsste für dich rausspringen, dass du es riskierst, eventuell ins Kittchen zu gehen?«
»Manchmal habe ich das Gefühl, ich könnte schon morden, wenn ich dafür die nächsten zehn Wochen nicht Klo putzen muss!«
»Ach komm, nicht diese Mitleidstour, Daggi.« Grazil schwang Bianca ihre Beine vom Sofa und setzte sich aufrecht hin. »Sagen wir vierhunderttausend. Würdest du dafür alles in die Waagschale werfen? Du landest vielleicht im Gefängnis. Kannst du dir das vorstellen: Andi allein mit den Kindern, völlig verwahrlost in eurem Haus dahinvegetierend. Er wird wahrscheinlich Alkoholiker.«
Dagmar kicherte. »Gib es zu, Bianca! Du liest die Zeitung mit den bunten Bildern und den Schlagzeilen, die so groß sind, dass sie auch ein Blinder entziffern kann!«
»Die Kinder kommen in ein Heim, nehmen Drogen und gehen auf den Strich«, malte Bianca das Bild weiter aus.
»Nein, ich weiß.« Dagmar zeigte mit dem Finger auf ihre Freundin. »Du guckst dir heimlich diese Soaps an. Daher dein tolles Wissen um die traute deutsche Familienidylle.«
»Keiner wird dich sonntags im Gefängnis besuchen kommen.«
»Doch, du schon. Du hättest bestimmt keine Probleme damit, dich mit einem Knasti abzugeben!«
»Dankeschön, aber ich kann nicht vorbeikommen. Denk nach, Daggi, wenn du geschnappt wirst, weshalb sollte ich dann nicht auch eingebuchtet werden?«
»Du? Wieso du? Würdest du denn mitmachen?«, fragte Dagmar ehrlich erstaunt.
»Na klar! Was denkst du, hey?«
»Aber du hast doch alles!«
»Was habe ich denn schon? Einen Job, der mich auffrisst. Sicherlich, das Gehalt ist nicht schlecht. Aber ich habe es satt, den ganzen Tag die taffe Karrierefrau spielen zu müssen. Immer muss ich aufpassen, dass mir niemand die Butter vom Brot nimmt! Ich habe das alles satt, so satt, Daggi.«
»Puh! Ich denke immer, wenn ich so erfolgreich wäre wie du, dann würde ich mich wie auf Rosen gebettet fühlen.«
»Ach was, es gibt keine Rose ohne Dornen, Daggi!« Bianca trank einen Schluck Sekt und versuchte die aufkeimende Erinnerung an die heftigen Auseinandersetzungen bei ihrem letzten Projektreview zu verdrängen. »Wenn ich jetzt tot umfallen würde, was würde ich hinterlassen? Keine große Lücke, das ist schon mal klar. Die paar Spuren von mir wären in zwei Wochen verwischt. Ich möchte einfach Zeit haben und das tun, was mir wirklich wichtig ist. Dafür brauche ich aber Geld.«
»Wer möchte das nicht? Dann sind aber vierhunderttausend für uns beide zusammen wirklich zu wenig.«
»Eben.« Bianca steckte sich eine Olive in den Mund. »Vielleicht gewinne ich doch noch im Lotto. Ich warte ja erst seit neunzehn Jahren! Ich hätte das eingezahlte Geld besser auf ein Sparkonto überweisen sollen.«
Mit angespannter Miene starrte nun Bianca auf das Katzenfoto. Ohne, dass sie es bemerkte, betrachtete ihre Freundin wohlwollend ihr schlichtes schwarzes Sweatshirt, die dunkle, ausgewaschene Jeans und die dicken roten Wollsocken.
»Wenn ich so etwas anziehe, wirke ich wie ein Ringer im Freizeitlook. Bei Bianca sieht es einfach gut aus«, dachte Dagmar. Sie schenkte sich noch ein Glas Sekt ein, obwohl sie ihr Limit bereits erreicht hatte, sofern sie ihren Führerschein nicht riskieren wollte.
»Egal, oder ich lasse den Bus stehen. Bewegung täte mir sowieso gut. Ich könnte ja auch hier übernachten«, ging es ihr durch den Kopf. »Ob es Andi überhaupt auffällt, wenn meine Seite vom Bett heute leer bleibt? Wo würde er mich vermuten? Bei einem anderen Mann? Wäre er eifersüchtig? Welche Chancen habe ich nach drei Kindern und fast zwanzig Jahren Ehe überhaupt noch bei anderen Männern?«
Dagmar schüttelte leicht mit dem Kopf. »Alles lächerlich. Andi würde wie ein Murmeltier schlafen und überhaupt nicht merken, dass ich nicht nach Hause gekommen bin. Verschlafen würde er, wenn ihn nicht eines der Kinder am Morgen wecken würde.«
»Die Banken haben immer nur einen begrenzten Betrag an Bargeld in den Filialen zur Verfügung«, ließ ihre Freundin verlauten. »Eine Million Euro bei einem Überfall auf eine Filiale zu erbeuten, ist nicht möglich. Eine Hauptstelle zu überfallen, ist aber viel zu riskant.«
»Weißt du, Bianca. Man müsste den Zeitpunkt abpassen, wenn der Geldtransporter gerade die Filiale mit Barem versorgt hat. Die Landbank im Ort bekommt ihr Geld zweimal am Tag. Einmal morgens kurz vor neun und einmal in der Mittagszeit.«
»Woher weißt du das so genau?«, fragte Bianca verblüfft.
»Wenn ich zur Tankstelle fahre, komme ich doch dort vorbei. Da habe ich schon mal angehalten und geschaut, nur mal so. Der Fahrer bleibt im Auto sitzen, während der Beifahrer immer zwei Taschen in die Geschäftsstelle bringt. Nachdem er zweimal gegen die Glastür geklopft hat, wird ihm von Herrn Schmitt geöffnet.«
»Schmitt?«
»Das ist der Kassierer.«
»Mann, du bist aber gut informiert, alle Achtung. Und du hast nur mal so geguckt?«
Die beiden Freundinnen schauten sich verschmitzt lachend an.
»Ich würde mir das Ganze auch gerne einmal anschauen, nur so aus Jux«, meinte Bianca nach einer Weile. »Hey, am Freitag habe ich meinen Gleittag genommen. Mit den Kindern wollen wir ja erst am Nachmittag zum Schwimmen gehen. Den Vormittag haben wir für uns. Sag, wie wär’s, Daggi? Lass uns schauen und träumen, nur mal so!«
(…)

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Weitere Informationen erhältst du auf der Verlagsseite von 26books
und auf meiner Homepage.

Social-media-Info unter: #5_Damen

18. Januar 2015

Lesetrailer "Der Tag, an dem ich David B. ermorde"


Wer hätte voraussehen können, welche tödlichen Folgen das Gespräch der Schulmädchen nach sich ziehen würde?


In dem Lesetrailer ist das dritte Kapitel von “Der Tag, an dem ich David B. ermorde” zu lesen. Es handelt von dem folgenschweren Gespräch zwischen Julia und Vivi (die sich später Desiree nennt).

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23. Januar 2012

Frau vor der untergehenden Sonne

Langsam ließ das junge Mädchen ihren Blick durch das Café gleiten. Kurze Zeit verweilte sie bei einem Druck von Caspar David Friedrichs Bild „Frau vor der untergehenden Sonne". Manfred nahm ein Bierglas aus dem Spülwasser. Ohne hinzusehen, polierte er es trocken und stellte es in das Regal über der Theke. Das Mädchen richtete sich ein wenig in ihrem Stuhl auf und wandte sich zur Seite. Manfred fuhr mit seinen Augen ihr Profil ab, die Stirn, die Nase, deren Spitze leicht nach oben zeigte, die Lippen, das ausgeprägte Kinn. Er stellte sich vor wie sie es einem Widersacher entgegen recken würde, wenn sie wütend war. Ihre vollen Lippen würden sich öffnen, vielleicht sich sogar ein wenig verzerren und böse Worte formen. Bei dem Gedanken daran lächelte Manfred.
Die Tür rechts neben der Theke schwang auf. Gespannt wandte sich das Mädchen um. Achtlos ging Gerda an ihr vorbei, servierte dem älteren Paar am Nebentisch Kaffee, Apfelstrudel und Himbeertorte. Das Mädchen begleitete Gerda mit den Augen zurück zur Schwingtür, dann glitt ihr Blick weiter zur Theke. Verwundert betrachtete sie die Unmengen von Seidenblumen, die längs des Tresens drapiert waren.
Gerda hatte die Blumen vor langer Zeit dort angebracht. Manfred fand ihren Anblick noch heute lächerlich.
"Geschmacklos!", hatte er seiner Frau zugerufen.
Unbeirrt hatte sie ihre Dekoration weiter vervollständigt, ohne einen Kommentar oder eine Erklärung abzugeben. Manfred konnte sich auch so denken, weshalb Gerda den Bereich hinter der Theke verdecken wollte.
Immer noch schaute sich das Mädchen die Blumen an. Bewundernd sah Manfred zu wie sie ihre Haare zurück über die Schultern strich, seidige, lange, dunkelblonde Haare.
"Sie sieht aus wie eine Madonna!", dachte Manfred. Bedächtig nahm er ein weiteres Glas aus dem Wasser.„"Warum sitzt jemand wie sie alleine in einem Café?"
Während er die Gläser putzte oder Getränke eingoss, machte sich Manfred oft Gedanken über seine Gäste. Gerda hatte ihm vorgeworfen, er würde die jungen Damen im Café mit den Augen verschlingen. Manfred hatte entgegnet, irgendwohin müsse er doch schauen.
"Immer die jungen Damen! Niemals die anderen Gäste! Du fixierst sie! Du verschlingst sie mit deinen Augen! Manfred, das ist nicht gut!" Der Ärger hatte Gerdas Gesicht rot gefärbt. „"Die Leute werden dich einen ... einen ... ach, mir fällt das Wort nicht ein! Es ist nicht gut, Manfred!"
Manfred wusste, welches Wort seine Frau meinte: ein Voyeur. Aber es stimmte nicht. Er ging seinen Aufgaben hinter der Theke nach und schaute dabei in das Café, in sein Café. Was war schon dabei, wenn er sich über den einen oder anderen Gast Gedanken machte? Wo er herkam, was ihn bewegte, wer er war. Stimmte es, dass sein Blick immer bei den jungen Dingern haften blieb? Manfred musste an Gerda denken. So wie sie früher war, als junges Mädchen. Da war sie hübsch anzuschauen gewesen, schlank und fröhlich. Heute war sie dick und hatte Krampfadern.
Wieder schwang die Tür auf. Gerda stellte zwei große Eisbecher auf den Tisch des Mädchens. Im Laufe der Jahre hatte Manfred gelernt, dass die Schlanksten von ihnen oftmals am meisten aßen. Sie bestellten jedoch ein Stück Torte oder ein Eis und erst nach einer Weile ein zweites, nicht aber beides gleichzeitig. Das Mädchen fing seinen Blick auf und zeigte lächelnd nach draußen. Vor der Tür stand ein Mann und sprach gestenreich in sein Handy. Manfred ging ein paar Schritte vor und klopfte an die Fensterscheibe. Fragend schaute ihn der Mann an, erklärend wies Manfred auf das Mädchen mit den beiden Eisbechern. Ohne Eile stellte er sich wieder hinter seine Spüle, das Mädchen schaute zu ihm hoch. Lächelnd nickte sie ihm zu. Sie hatte wunderschöne, weiße Zähne.
"Sie ist wirklich eine Madonna!", dachte Manfred. Er konnte sich nicht vorstellen, dass sie tatsächlich einmal wütend werden würde.
Inzwischen hatte sich der Mann an den Tisch gesetzt. Während sie ihr Eis aßen, unterhielten sie sich leise. Manfred fragte sich, ob es vielleicht ihr Vater sei. Der Mann war eher klein von Statur, das Mädchen musste aber groß gewachsen sein. Viele Gäste konnten Manfred hinter den Blumen gar nicht sehen, nahmen vielleicht gerade noch seine Stirn oder sein Haar wahr. Nur die Größeren von ihnen konnten sein Gesicht sehen. Sie aber hatte ihn angelächelt und ihn dabei angesehen.
Das Mädchen legte seinen Löffel zur Seite und schaute Manfred regungslos an.
"Ob sie ein Sitzriese ist?", fragte sich Manfred. Abschätzend betrachtete er ihre Beine, sie waren lang, lang und wohlgeformt. Bewundernd glitt sein Blick von ihren Beinen über ihre Hüften zu ihrem Busen. Wieder schaute er in ihr Gesicht mit den vollen Lippen. Das Mädchen hatte ihre Augen nicht von Manfred abgewandt. Langsam ging ihre rechte Augenbraue in die Höhe. Manfred drehte sich zur Seite, betrachtete nun selber den Druck von Caspar David Friedrich. Aus den Augenwinkeln sah er wie das Mädchen wieder den Löffel aufnahm und ihr Eis aß.
Auf dem Bild war eine Frau zu sehen, dem Betrachter hatte sie den Rücken zugekehrt. Sie stand auf einer Wiese, beide Arme hielt sie leicht erhoben. Ihr Körper verdeckte die untergehende Sonne, deren Strahlen ihren Oberkörper umspielten. Immer, wenn Manfred das Bild ansah, hatte er den Eindruck, dass die Frau darauf nur noch kurze Zeit verharren würde, um dann der untergehenden Sonne mit leichten Schritten entgegen zu gehen. Nach einer Weile verlor das Bild seine Starrheit, der Wind begann die Grashalme zu beugen, Manfred konnte sogar die Vögel zwitschern hören. Die Frau ging immer weiter, ihr bodenlanges Kleid umschmeichelte ihren Körper. Jedes Mal hatte Manfred das Gefühl, er müsse der Frau folgen. Gab er dem Impuls nach und trat ein paar Schritte vor, stieß er gegen die Theke. Die Frau blieb stehen, das Gras wurde unbeweglich und das Zwitschern erstarb.
Plötzlich zuckte Manfred zusammen. Verächtlich schnaubend stand seine Frau ihm gegenüber. Sie mochte das Bild nicht. Genauso wenig wie sie auf Manfreds Bemerkungen zu den Seidenblumen eingegangen war, hatte er sich davon abbringen lassen, es im Gastraum aufzuhängen. Alle anderen Bilder hatte Gerda ausgesucht.
"Maritime Motive passen zu einem Café, das nur 100 Meter von der Nordsee entfernt liegt. Nicht so wie deine Schlafwandlerin in der Landschaft, Manfred!"
Manchmal träumte er sogar nachts von der Frau mit den leicht erhobenen Armen. Der Wind und das Vogelgezwitscher waren dasselbe, aber anders als bei seinen Tagträumen folgte Manfred der Frau. Nachdem sie mit leicht erhobenen Armen fünfzig, sechzig Meter gegangen war, schloss sich Manfred ihr an. Ohne den Abstand zwischen ihnen zu verändern, näherten sie sich gemeinsam der Sonne. Je dichter sie ihr kamen, desto glücklicher fühlte sich Manfred. Während ihres Weges wandte er niemals den Blick von der Frau vor ihm. Die Strahlen der untergehenden Sonne umfingen sie, gaben ihrer Silhouette etwas Heiliges. Obwohl Manfred es nie gesehen hatte, wusste er, dass sie ein wunderschönes Gesicht hatte, jung und makellos.
Wieder hörte Manfred ein Schnauben. Wütend schaute ihn Gerda an, verlangte barsch nach einer Limonade und einem Wasser. Manfred beugte sich hinunter zum Kühlschrank und nahm zwei kleine Flaschen heraus. Als er sich wieder aufrichtete, fiel sein Blick erneut auf das junge Mädchen. Die Sonne schien durch das Fenster, ihre Strahlen tauchten das Mädchen in warmes Licht. Ungeduldig klopfte Gerda auf die Theke. Hastig wandte sich Manfred ab und stellte die Flaschen und zwei Gläser auf das Tablett. Mit eisigem Blick nahm es Gerda auf und ging zum Tisch neben dem Eingang.
In seinem Traum ging die Frau immer weiter und überschritt einen kleinen Hügel. Je länger sie gingen, desto glücklicher war Manfred. Immer wieder endete sein Traum auf die gleiche Weise. Es kam Manfred so vor, als sei er der Frau eine Ewigkeit gefolgt, über die Wiese, den Hügel und immer fort. Dann blieb die Frau stehen, Manfreds Schritte verharrten im selben Moment. Die Frau hob ihren Kopf leicht an, geradeso als wolle sie der Sonne direkt in die Augen sehen. Manfred blieb bewegungslos stehen und sah zu wie sie weiterging und im Nichts verschwand. Dann war sein Traum vorbei. Wach im Bett liegend sehnte sich Manfred danach, der Frau weiterzufolgen und ebenfalls im Nichts zu verschwinden.
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13. Dezember 2011

Glück

Siehst du mich?
Nein, das kannst du nicht!
Ich bin verborgen,
hinter all deinen Sorgen.
Schau ich in dein Gesicht,
weiß ich, du findest mich nicht,
so finster ist dein Blick.
Verdrossen schauen deine Augen,
trüben alles, was du siehst.
Staunen wirst du,
lässt du deine Augen leuchten,
schiebst du zur Seite all die Sorgen.
Sie sind dennoch zugegen,
doch nur halb so schwer
werden sie wiegen.
Ich werde dich wieder fragen:
Siehst du mich?
Ja, das kannst du dann!
Das Glück ist nicht mehr verborgen,
hinter all deinen Sorgen.

Weitere Gedichte lesen.

aus: Bitterer Honig
Lola Victoria Abco

PS: Eine Lesung von "Glück" und anderen Gedichten können Sie hier hören.